Die Wiener Grünen - Eine Abrechnung
Was ist das Fazit aus über einem halben Jahr Engagement für die Grünen Vorwahlen? Persönlich war es ein Gewinn. Ich habe viele nette und interessante Menschen kennengelernt, wertvolle Erfahrungen gesammelt und die Zugriffszahlen meines Blogs sind seither in ungeahnte Höhen vorgestoßen. Politisch war es letztlich ein Desaster. Die Wiener Grünen ließen ihre ohnehin immer nur schlecht getragene Maske fallen und zum Vorschein kam ein ängstliches Bürokratengesicht.
Leitspruch der Grünen Vorwahlen war “Die Grünen brauchen Veränderung”. Was aber, wenn die Wiener Grünen gar nicht veränderbar sind? Die Leser dieses Blogs kennen die Verfehlungen des Wiener Landesvorstandes zur genüge. Im Prinzip unterscheidet sich dessen angstvolles Verhalten ihren eigenen Wählern gegenüber nicht wesentlich von jenem der FPÖ gegenüber dem Fremden an sich. Beide handeln angstgetrieben und machen dicht, beide fürchten sich vor der unbekannten Gefahr von außen.
Nichts ist schlimmer als eine Organisation, die ihren eigenen zentralen Ansprüchen selbst nicht gerecht wird. Wenn katholische Priester Kinder zeugen, wenn Sozialdemokraten üppigen Privatstiftungen vorstehen, wenn sich Staatsanwälte bestechen lassen, wenn Pleitebanker hohe Prämien kassieren, dann führen sie ihre Organisationen und vor allem deren Prinzipien ad absurdum. Ganz ähnliche schadhafte Handlungen haben die Wiener Grünen in Bezug auf ihren basisdemokratischen Anspruch gesetzt. Die Grünen waren immer ein Versprechen für eine andere Politik, für eine ehrliche Politik abseits von und im Gegensatz zu Parteipolitik. Dabei spielt es für mich weniger eine Rolle, ob die Grünen in Nuancen zu öko, links, bürgerlich, langweilig, antifaschistisch oder konservativ sind, sondern dass sie immer Proponent einer offenen, transparenten, demokratischen und ehrlichen Politik waren. Und genau dieser Anspruch wurde auf längere Zeit verspielt. Die Wiener Grünen haben sich als herkömmliche politische Partei im schlechtesten Sinne geoutet.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass die Betonierer gewonnen haben und es sich nicht mehr lohnt, gegen die Tintenburg anzukämpfen. Das ist doppelt schade, weil eben inhaltlich das meiste bei den Grünen passt, sie aber praktisch versagen. Ich stelle mir schon seit Wochen die Frage, wie eine Organisation, die schon im Umgang mit einer vergleichsweise unwichtigen Gruppe auf ganzer Linie versagt, in eine Landesregierung eintreten möchte oder Verhandlungen mit der SPÖ führen kann? Denn diese Verhandlungen werden genau jene führen, die dieses Desaster verursacht haben. Wie sollen sich gerade jene für Konzepte wie Open Government und Open Data einsetzen, die selbst eine intransparente vom Hinterzimmer aus führen? Mein Vertrauen in deren Geschick geht da gegen null. Einige Grüne VorwählerInnen haben sich entschieden weiterzumachen und zu versuchen möglichst viele der willkürlich Aufgenommenen zu einer Teilnahme an der Landesversammlung zu bewegen. Ich wünsche allen dabei viel Glück, halte das aber nur für die falsche Legitimation einer Pseudobasisdemokratie und für den möglichen Versuch bestimmte Kandidaten besser zu positionieren. Es ist auch wenig solidarisch den ebenfalls willkürlich abgelehnten VorwählerInnen gegenüber, diese als Kollateralschäden links liegen zu lassen. Das ist eine Legitimation, die sich die Wiener Grünen meiner Meinung nach nicht verdient haben und die ich ihnen auch nicht geben möchte.
Für mich persönlich heißt das, dass es auch weiterhin Anknüpfungspunkte zu den Inhalten der Grünen und zu einzelnen Personen, die ich sehr schätze und die hier schon öfter Erwähnung fanden, geben wird. Apparat und inkonsequentes Verhalten haben für mich aber die Wiener Grünen unwählbar gemacht. Es ist Zeit sich neunen drängenderen Themen als der Demokratisierung einer strukturkonservativen Organisation aus dem vorigen Jahrtausend zu widmen. Zur Disposition steht nichts geringeres als die freie Meinungsaüßerung im Netz, die Netzneutralität und ein neues Urheberrecht.

Helge
1.10.09 , 13:10
Gerald, ich denke da überschätzt du den Vorstand. Die Grünen Vorwahlen waren eine seltene Gelegenheit, wo dieser irgendwas Inhaltliches zu beeinflussen hatte. Im Normalfall hat der Vorstand nur organisatorische Aufgaben (wie unprofessionell sie z.T. organisiert sind, haben wir gesehen).
Echte Politik wird im Gemeiderat gemacht. Wer da für die Grünen drin sitzt - das wird echte und greifbare Unterschiede für uns machen. Da muss ich nicht eine mögliche Regierungsbeteiligung bemühen, da genügt auch ein Blick auf beinahe 80 Rot-Grüne Projekte.
Vergiss den Vorstand.
Jeder Vorwähler möge einzeln entscheiden, ob sie oder er mit dem eigenen Frust in Bezug auf die Grünen und mit dem der 230 anderen aufgenommenen Vorwähler solidarisch sein will, oder mit den 215 abgehnten Vorwählern. Wobei auch fraglich ist, ob diese die Solidarität überhaupt wollen, immerhin stärkt unsere Abwesenheit den für die Ablehnungen verantwortlichen Betonierern erst recht den Rücken. Erst dann erreichen diese, was sie wollen: Machtspielchen im warmen Schoß des parteiinternen Intrigenstadels.
So gesehen ist deine Entscheidung legitim und auch nachvollziehbar. Meine Entscheidung schaut jedoch anders aus: Ich geh’ am 15. November hin und wähle die meiner Ansicht nach besten Kandidatinnen und Kandidaten.
Gerade weil diese Grünen das Vorwahlthema bis jetzt so verbockt haben. Gibt’s eine Alternative am Wiener Parteienmarkt? Für mich im Moment nicht.
Helge
1.10.09 , 13:10
Äh, 50 Projekte. Anyway.
Gerald Bäck
1.10.09 , 14:10
Eins vorweg. Ich wollte damit niemanden die Legitimation oder die Motivation absprechen am 15.11 wählen zu gehen, weil es in dieser Frage ohnehin kein richtig und kein falsch gibt. Es ging mir lediglich darum zu begründen, warum ich an den Wiener Grünen gescheitert bin.
Ad Landesvorstand
Es kann schon sein, dass der LV sonst nichts zu sagen hat, eine massive Unterstützung des Gemeinderatsklubs habe ich jedenfalls in den letzten Monaten nicht bemerkt. Der Landesvorstand wurde immerhin von der Landesversammlung legitimiert, die beim letzten mal übrigens noch mehr Betonierer reingewählt hat.
Ad Alternativen
Es gibt immer Alternativen. Aber im Gegensatz zur Nationalratswahl ist eine Landtagswahl in Wirklichkeit nicht so rasend wichtig. Da wäre also zum Beispiel nicht hingehen oder die Wahl einer Single-Issue Partei durchaus eine Alternative.
Helge
1.10.09 , 14:10
Gerald, eine bessere Begründung, am 15. November hin zu gehen, hättest du nicht liefern können.
Denn die Landesversammlung wählt auch die Gemeinderatskandidaten, und die Landesversammlung sind wir. Wir sind da wahlberechtigt.
Angela Stoytchev
1.10.09 , 22:10
hallo gerald,
wir beide kommunizieren ja diesbezüglich eh schon behind the scenes, aber da du das auch auf deinem blog ausführst, auch hier mein kommentar: schade, jetzt, wo du mitglied geworden bist, wendest du dich gleich wieder enttäuscht ab. dabei wäre es dir jetzt als mitglied möglich, auch veränderungen herbeizuführen, mitzubestimmen, etc. damit meine ich nicht nur die landesversammlung am 15.11., wo die zweifelsohne wichtige entscheidung getroffen wird, wer in den gemeinderat/landtag einziehen und dort aktiv politik umsetzen wird, sondern durchaus auch die politische ausrichtung in den verschiedensten themenbereichen, grundsatzentscheidungen, etc. dies alles findet nämlich größteils nicht im rathausklub statt, die abgeordneten setzen ja - in unterschiedlicher art und weise - das um, was parteiintern an programmatik, strategie, etc. ausgearbeitet wurde (natürlich gibt es einen nicht gerade kleinen gestaltungsspielraum des klubs und der einzelnen abgeordneten). insofern stimmt die ausführung von helge, dass die gremien (vorstand etc) eh nur organisatorisches machen, und die politik im gemeinderat gemacht wird, nicht. obwohl mir klar ist, dass es verlockend ist, es so zu sehen. (das war ja immer einer der grundlegenden auffassungsunterschiede zwischen den grünen und den vorwählerinnen.) aber gerade die aufgenommenen unterstützerinnen udn mitglieder als auch sämtliche aktivistinnen, die ja durch diese entscheidung, mitglied, aktivstin, unterstützerin der wiener grünen zu sein, zu einem teil der wiener grünen werden (auch aus “vorwählerinnen” wurden dadurch grüne) hätten die chance, da mitzumischen. alle sitzungen sind für alle grünen offen, man kann sich auch in gremien reinwählen oder delegieren lassen, etc.
aber die auseinandersetzung mit dieser thematik sprengt hier den rahmen eines kommentars. also, wie bereits besprochen, ich melde mich nächste woche bei dir.
lg
angela
Helge
2.10.09 , 09:10
@Angela:
Helge ignoriert einfach nur den von dir beschriebenen Verfassungsbruch dieser grünen “Kollektiv gibt vor, Abgeordneten setzen um”-Logik, im hoffnungsvollen Bewusstsein, dass die Abgeordneten diese eh ignorieren und statt dessen ihr verfassungsmäßiges Freies Mandat ausüben..
Angela Stoytchev
2.10.09 , 10:10
@helge: weil du als kleinen seitenhieb in der dritten person über dich selbst schreibst: ich hab diese passage an gerald geschrieben, weil ich ihm damit klarmachen wollte, dass er als grünes mitglied (und nicht nur als grüner abgeordneter) durchaus veränderungsmacht hat. ich wollte dir also nicht zu nahe treten
puh, und die “freie mandat in einer parteiendemokratie”-debatte können wir hier sicher nur schwer führen. aber es ist eh eine ausständige diskussion (thema poppt ja auch bei uns grünen immer wieder auf), sodass es sicher in näherer zukunft einen diskussionsraum dafür geben wird. vielleicht ist es ja auch schon thema beim grünen konvent am 18.10., aber das weiß ich nicht sicher, weil ich die detailplanung momentan nicht parat hab.
lg
angela
Gerald Bäck
2.10.09 , 13:10
@angela Du hast prinzipiell recht, dass das eine Veränderung als Mitglied unter Umständen vielleicht möglich wäre. Nur gibt es eben auch Umstände, die an den Grundprinzipien der eigenen Überzeugung rütteln und dazu gehört für mich zu allererst die demokratische und offene Ausrichtung einer Partei. Dieser Ausrichtung widerspricht aber der jüngste Umgang mit Max und auch zum mein “Aufnahmegespräch” ganz massiv. Ich denke jeder hat so seine Grenzen, wo man sich dann eben für aufgeben statt weiterkämpfen entscheidet.
Helge
2.10.09 , 14:10
@Angela: Keine Sorge, so leicht bin ich nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen
digiom (jana herwig)
10.10.09 , 16:10
Fulminant geschrieben.
Letztlich gilt: Es kann da jede und jeder nur für sich selbst entscheiden.
Darum sehe ich das Weitermachen auch nicht also unsolidarisch an gegenüber denjenigen, die “liegen gelassen” wurden, genausowenig wie ich aus umgekehrtem Blickwinkel diejenigen, die ausgestiegen sind, für unsolidarisch mit dem Projekt grüne Vorwahlen halte.
Gruß aus Milwaukee: Jana