BäckBlog Politikpodcast IX
Im 9. BäckBlog Politikpodcast haben wir, Natascha Chrobok, Susanne Zöhrer, Max Kossatz, Martin Schimak und ich uns mit folgend dringenden Fragestellungen beschäftigt:
- Warum zum Henker winkt das EU-Parlament das SWIFT Abkommen durch?
- Soll die Wehrpflicht abgeschafft werden?
- Was machen Tötschinger und Jurkic bei der Wiener ÖVP?
- Soll es progressive Leitmedien geben?
- Was haben Andreas Unterberger und Robert Misik gemeinsam?

dieter
14.07.10 , 07:07
Das Anrecht auf Werbung in der Presse hatte Unterberger noch aus seinem Vertrag als Chefredakteur, hat ihm also nichts gekostet.
Sowohl Misik als auch Unterberger machen es richtig. Betteln, bzw. Spendensammeln ist ja nichts neues. Das machen Fernsehprediger, Thinktanks, Kulturvereine, Parteien, Kandidaten usw. ja seit Jahrhunderten vor und viele amerikanische Blogs und alternative Medien auch. Man muss seine Fangemeinde schon direkt und forsch ansprechen und hervor stellen, dass es auf die Spende ankommt, um die jeweilige Sache voranzubringen.
Flattr ist viel zu anonym und unpersönlich.
Unterberger hat aber mehr Chancen auf Erfolg. Sein Stammpublikum gesteht aus nicht wenigen gut betuchten bürgerlich-konservativen Pensionisten und Akademikern. Außerdem füllt er mit seiner Weltanschauung eine Marktnische, während man Robert Misiks linksgrüne Ansichten auch vom Falter, diversen ORF-Redationen, im Standard und von 567 Progressiv-Bloggern bekommt.
Trotzdem kann es Misik schaffen, sich als Zentralorgan des Progressivismus in Österreich zu etablieren. Er liest und rezensiert ganz altmodisch relevante Bücher und Primärliteratur, lädt im Kreisky-Forum interessante Persönlchkeiten ein, hat Connections zu unzähligen linken Denkern und ist Systemanbieter in persona, vom Video-Blog über eigene Bücher und Vorträge und entwickelt eigene Thesen.
Da können 08/15-Blogger, die auf den dieswöchigen, tagespolitischen Aufreger reagieren nicht mithalten.
Bloggen alleine reicht eben nicht. Reine “Blogger” waren die ersten, die das Medium nutzen und einen Vorsprung hatten aber langfristig werden sich die durchsetzen, die einen Mehrwert anbieten. Das hat man schon in der amerikanischen Bloggosphäre gesehen und das sieht man nun auch in Österreich.
Der Unterberger wurde zunächst auch wegen seiner Verschrobenheit und Altbackenheit belächelt und für seine Ignoranz über die Gepflogenheiten der Bloggosphäre kritisiert, aber er hat es geschafft in kürzester Zeit den erfolgreichsten Politik-Blog in Österreich aufzustellen.
Martin Schimak
14.07.10 , 16:07
@dieter: ich glaub man kann zwei dinge sehen, die auch gleichzeitig stattfinden (dürfen, können):
einerseits wird es umso mehr leute online aktiv sind einzelne angebote geben, die ein grosses publikum erfolgreich “bedienen” können. da haben beide genannten ihre diesbezüglichen “chancen” intakt.
andererseits wird das netz aber auch in zukunft, so glaube ich aus unzähligen kleinen angeboten bestehen, die jeweils für sich betrachtet völlig “unbedeutend” sind, in ihrer gesamtheit aber ganz und gar nicht – in ihrer gesamtheit immer bedeutender werden. ich kann heute als einzelner nach lust und laune vor mich hin bloggen und muss auch gar nicht “wichtig” sein, aber wenn ich dadurch eine gewisse grundvernetzung erreiche (die gar nicht so hoch sein muss), dann werde ich, wenn ich einmal alle zwei jahre etwas echt besonders interessantes zu berichten habe auch die entsprechende aufmerksamkeit dafür haben.
DAS halte ich in summe für die viel wesentlichere, spannendere, langfristig relevantere entwicklung als die frage nach irgendwelchen neuen “leitmedien”. aber: ja, die wirds auch in zukunft geben.
Gerald Bäck
14.07.10 , 16:07
@dieter Dass es misik schaffen könnte ist durchaus möglich. Bei seiner Strategie verfolgt er aber ein relativ altbackenes Konzept, das keineswegs progressiv ist, weil es immer noch davon ausgeht, dass es unbedingt Gatekeeper und Leitmedien braucht, die eine Art Linie vorgeben. Einmal abgesehen davon, dass misik alles andere als progrssiv ist, braucht es unserer Meinung nach solche Leitmedien nicht, sondern sind uns viele kleine Medien sprich BloggerInnen lieber. Dass so etwas auch eine Utopie ist, ist ebenfalls klar.
dieter
14.07.10 , 19:07
Was genau ist eigentlich an Misik unprogressiv? (im Sinne der gängigen Defintion des Begriffs)
Altbackenes Spendensammeln funktioniert jedenfalls erwiesernermaßen, was man von Flattr jedenfalls noch lange nicht sagen können wird.
dieter
15.07.10 , 05:07
Unterberger hat übrigens laut eigenen Angaben 500 Partner. Das ergibt also mindestens 5000€ Brutto.
Allerdings muss er davon seine Hundertschaften bezahlen, die den Blog für ihn betreiben.
Martin Schimak
15.07.10 , 10:07
Zu Misik: wenn man den Begriff “progressiv” mit “links” gleichsetzt, wie es von links ja gerne getan wird, dann ist Misik sicher progressiv.
Wenn man eher an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes erinnert, melde ich meine Zweifel an, weil er im Grunde weder selbst neuartige Gedanken oder Konzepte präsentiert noch offensiv auf neuartige, noch umstrittenere Gedanken referenziert bzw klar Stellung bezieht. Ein Beispiel wäre die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich muss es nicht gutheissen, aber wenn ich “progressiv” sein will, dann muss ich mich mit solchen Gedanken, die in Diskussion sind, zumindest auseinandersetzen – zumindest hätte ich zB diesbezüglich nichts wahrgenommen, aber vielleicht liegts auch an mir, ich lese ihn nicht regelmässig. So gesehen ist für mich ein Götz Werner progressiver als ein Robert Misik. Einfach weil er weiter vorausdenkt – egal jetzt ob “richtig” oder “falsch”.
Zu Unterberger: ja, nach ebenso eigenen Angaben hat er 13 Leute involviert, von denen rund 10 laufend beitragen dürften. Da kommt er selbst mit 5000 Euro nicht wirklich weit…