10 Jahre Wende - Mein Rückblick

von Gerald Bäck am 2.02.10

familie20100129160902Gleichmal vorweg, wenn ich hier vielleicht falsche Fakten anführe, bitte unbedingt in den Kommentaren anmerken. Mir geht esauch darum, meinen subjektiven Eindruck zu schildern und da sind durch die Erinnerung oder eine unterschiedliche Wahrnehmung entstandene Unterschiede durchaus interessant.

Aus heutiger Sicht fällt mir der Blick zurück auf die Wende nicht gerade leicht, ist doch das Ergebnis mehr als erschütternd, sieht man zum Beispiel nach Kärnten , wo ein ganzes Bundesland wie eine Sekte agiert oder auch ins Burgenland, wo ein Asylerstaufnahmezentrum als Anschlag auf das Bundesland gilt. Es ist das Verdienst Jörg Haiders und seiner Kumpanen, dass unsere Politik ein Stück weit menschenverachtender, oberflächlicher und undemokratischer wurde als vor 10 Jahren. Meine Sicht auf die Dinge im Jahr 2000 war jedoch ganz anders und wird wohl bis heute den meisten meiner LeserInnen entgegen stehen. Ich persönlich empfand die 90er Jahre als politisch extrem lähmende Dekade. Der EU-Beitritt brachte nicht die erhoffte Aufweichung der verkrusteten Strukturen, die Öffnung des Ostens wurde nicht zum kulturellen Austausch genutzt und ÖVP und SPÖ waren fröhlich mit dem verteilen von Posten beschäftigt, ohne sich besonders um die WählerInnen zu kümmern. Als Wähler stand man dem Treiben mehr oder weniger ohnmächtig gegenüber, da eine große Koalition auf ewig perpetuiert schien. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bot nur die FPÖ bzw. Jörg Haider an.

demonstrationen20100128161714Ich war jedenfalls froh darüber, dass 2000 endlich keine rot/schwarze Regierung angelobt wurde und natürlich war ich empört über den anmaßenden Thomas Klestil, der sich als SPÖ-Knecht erwies und noch empörter war ich über die Sanktionen. Beide würde ich auch heute noch so bewerten. So katastrophal letztlich die Bildung dieser Regierung für Österreich war, so hatte sie eben doch eine demokratische, parlamentarische Legitimation, die für mich aus heutiger Sicht, sowohl Bundespräsident als auch das EU-Ausland nicht anerkennen wollten und sich somit als Undemokraten erwiesen. Anders verhält es sich bei den Demonstrationen, die fand ich auch damals legitim, wenn auch schwer übertrieben. Der immer wieder skandierte Ruf nach Widerstand implizierte geradezu den Vorwurf, es handle sich um eine demokratisch illegitime Regierung. Die Tatsache, dass Jörg Haider mit seiner Familie unter Polizeischutz aus einem Lokal im achten Bezirk begleitet werden musste, weil Demonstranten diesen zufällig dort entdeckt hatten und sich die Situation anschließend so aufschaukelte, dass diese offensichtlich um ihre Gesundheit fürchten mussten, ist einer der Tiefpunkte der Gegenbewegung. Trotzdem finde ich es aus heutiger Sicht ganz toll, dass es Leute gab, die ein anderes, toleranteres Österreich in die internationale Auslage stellten.

Spätestens 2002 war aber klar, dass mit der FPÖ kein Staat zu machen ist und spätestens hier wird der machtpolitische Sündenfall der ÖVP offensichtlich. Anstatt mutig eine vielversprechende Koalition mit den Grünen einzugehen, wählte die ÖVP die billigere Variante mit der geschwächten FPÖ. Von nun an sollte Ausländerfeindlichkeit, Asylhetze und extreme Günstlingswirtschaft (Grasser, ÖBB, Seibersdorf etc.) zentrale Eigenschaften der ÖVP werden. Bis zum Jahr 2000 waren die Erfüllungsgehilfen der freiheitlichen Ausländerhetze immer SPÖ-Innenminister, auch diese Rolle wurde erschütternderweise von der angeblich christlichen ÖVP übernommen.

Schwarz/Blau konnte auf keinem Gebiet die Erwartungen erfüllen. Nahezu alle Privatisierungen wurden gnadenlos versemmelt. Die Verstaatlichte wurde mit Stümpern besetzt, die zufällig das richtige Parteibuch besaßen. Die Sozialpartnerschaft wurde nicht nachhaltig ausgehebelt, steht mittlerweile in der Verfassung und feiert fröhliche Urstände. Im Innenministerium wurde Umfärben neu definiert, man musste nicht mehr nur das richtige Parteibuch besitzen, sondern dort auch der richtigen Gruppe zugezählt werden. Die Bildungspolitik bliebt unter der Handarbeitslehrerin Gehrer im wesentlichen unverändert und wird sich noch viele Jahre negativ auswirken. Mit Karl Heinz Grasse, der später um ein Haar Vizekanzler geworden wäre, zog auch eine neue Unverfrorenheit in die Regierung ein und das legitime und nötige Nulldefizit wurde zum gelogenen Waschmittelslogan degradiert. In die ÖVP vollzog in diesen Jahren den Schwenk von einer christlichen Partei hin zu einem machtverliebten und machtbewussten Apparat.

Und trotzdem war die Wende alternativenlos. Eine weitere Rot/Schwarze Koalition hätte vier Jahre später jedenfalls zu einer relativen Mehrheit für Jörg geführt. Einmal ganz abgesehen davon, dass eine solche Koalition weniger dreist aber wahrscheinlich genauso unfähig agiert hätte. Auch heute sind die politischen Verhältnisse ehrlicherweise alternativenlos und zwar für eine große Koalition, da die heutige FPÖ weder regierungsfähig noch regierungswürdig ist. Leider wird das zu weitern Siegen für die rechten Rülpel und zu einer vorauseilenden ausländerfeindlichen Politik von ÖVP und SPÖ führen. Für den Umgang mit der FPÖ aber auch mit den ihr zugetanenen Medien müsste eine neue Strategie ausgearbeitet werden. Meiner Meinung nach dürften sich PoltikerInnen nicht mehr mit Strache, Dörfler und Scheuch an einen Tisch setzen. Nicht weil diese undemokratische Demagogen sind, sondern weil diese schlicht und einfach nicht ernst zu nehmen weil lächerlich und stets destruktiv sind.

Passieren wird das freilich nicht, weil zum Beispiel unser Bundeskanzler mit Inseratenkampagnen nicht unwesentlich zu wirtschaftlichen Erfolg von Hetzblättern wie Krone, heute und Österreich beiträgt. Oder weil Typen wie Wolfgang Fellner, dessen Österreich ungefähr genausoviel mit Journalismus zu tun hat wie Osama bin Laden mit Frieden, Freude und Eierkuchen ernst genommen und zur Pressestunde eingeladen werden.

Videocamp Vienna Livestream

von Gerald Bäck am 29.01.10

Morgen findet das Videocamp Vienna statt. Leider ist die Anmeldung dazu bereits geschlossen. Für interessierte, kurzentschlossene gibt es trotzdem die Möglichkeit, via Livestream dabei zu sein.

Ich selbst freue mich schon drauf, da Video nicht wirklich mein Thema ist und ich ziemlich sicher in jeder Session dazu lernen werde. Trotzdem muss ich die Möglichkeit nutzen mein bisher einziges und etwas in Vergessenheit geratenes Video hier zu verlinken, das eigentlich kein Video ist, sondern eine Aneinaderreichung von circa 6000 Einelbildern geschossen mit meiner Canon 1D Mark III. Ich hoffe es gefällt!-)

Österreichs politische Gefangene

von Gerald Bäck am 27.01.10

Die österreichische Justiz und ihr Zweiklassensystem war schon öfter Thema dieses Blogs. Zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Während Politiker wie Gerhard Dörfler einen offiziellen Freibrief für verfassungswidrige Widerlichkeiten von der Staatsanwaltschaft erhalten, sollen gleichzeitig Asylwerber vorsorglich in Haft genommen werden. Während der 16 jährige Supermarkteinbrecher, dessen Komplize von Polizisten erschossen wurde, noch am Spitalsbett in U-Haft genommen wurde, blieben die beteiligten Polizisten wochenlang unverhört. Während OppositionspolitikerInnen und deren MitarbeiterInnen von der Staatspolizei illegal bespitzelt werden, vergisst ein Staatsanwalt gleichzeitig eine Anzeige gegen Ex-Innenminister Ernst Strasser zu behandeln. Während für jeden zwielichtigen Ex-Minister die Unschuldsvermutung bis zum Erbrechen ausgereizt wird, werden die BürgerInnen immer stärker mittels Vorratsdatenspeicherung, Nacktscannern und Lauschangriff unter Generalverdacht gestellt.

Dabei geht es gar nicht um eine die da oben gegen die da unten Kiste, denn oft reicht es, wenn die notwendige Lobby fehlt oder man zum Sündenbock auserkoren wurde. Dieser Tage betrifft das vor allem Helmuth Elsner und Julius Meinl. Elsner ist Österreichs erster politische Gefangener. Er wurde von einer Richterin in vorauseilendem Gehorsam verurteilt, die dafür zur Belohnung Justizministerin werden durfte. Natürlich war Elsner ein unsympathischer Despot, der die BAWAG wie einen Hofstaat führte und letztlich an seiner eigenen Arroganz zu Grunde ging. Und natürlich wurde Elsner zu recht verurteilt, aber dazu eine Strafe von 9 1/2 Jahren unbedingt auszufassen, ist dann doch ein wenig zu viel des guten. Selbst Vergewaltiger und Totschläger kommen da oft mit geringeren Haftstrafen davon. An Hemlut Elsner wurde ein Exempel statuiert, dessen Botschaft lautet “Verscherze es Dir nicht mit den Falschen!” Elsners Pech war letztlich wohl nur, dass zum Zeitpunkt der BAWAG-Krise, die SPÖ ausnahmsweise nicht in der Regierung saß. Während also gleichzeitig Österreichs Hochfinanz an der Hypo Misere gut verdienen durfte und Wolfang Kulterer, sich nach wie vor an seiner kostspieligen Pferdezucht erfreut, muss Helmut Elsner für über neun Jahre ins Gefängnis. Nur zur Erinnerung, der BAWAG Skandal kostete die SteuerzahlerInnen keinen einzigen Euro, während uns die Hypo-Deppen konsequenzlos schon jetzt Milliarden kosten.

Der zweite politische Gefangene heißt Julius Meinl für den übrigens noch immer die Untersuchungshaft und weniger die Unschuldsvermutung gilt. Wie auch bei Elsner geht es hier nicht um die Rechtfertigung dessen, was bei Meinl European Land / Airport und was weiß ich noch wo abgezogen wurde. Letztlich waren die Fonds eine Luftnummer, die viele Menschen nur zu gerne glauben wollten. Ob die Sache mit den Kanalinseln und dem verdeckten Rückkauf der Anteile legal war, sollten eigentlich die Gerichte klären. Leider wurde Julius Meinl schon vorher zum Sündenbock gestempelt. Julius Meinl hat keine Lobby, er ist in den politischen Kreisen nicht so gut verankert, wie es oft den Anschein hat und es gibt einfach zu viele staatliche Kontrollinstanzen, die bei MEL total versagt haben und sich jetzt den Anschein einer funktionierenden Kontrolle geben müssen. Da wäre die Börsenaufsicht, die Finanzmarktaufsicht und die Nationalbank, sowie private wie der Konsumentenschutz oder auch so mancher selbsternannte Anlegervertreter. Sie alle brauchen einen Schuldigen ein Gesicht, ein Symbol für die Finanzkrise, das mit dem zuweilen schrullig und weltfremd anmutenden Julius Meinl auch gefunden ist. Die Justiz spielt da willig mit, auch sie muss verschiedene Missstände vergessen machen, da kommt ein hartes und populäres Vorgehen gegen den Banker nur recht.

Es geht hier nicht um die Frage, ob Meinl schuldig ist oder nicht, sondern nur darum, ob er nicht bereits vorveruteilt wurde und der Rest des Verfahrens nur noch eine Farce ist. Einige Fakten sprechen dafür:

  • Die U-Haft von Julius Meinl ist laut Prof. Heinz Mayer rechtswidrig
  • Der Sachverständige zum Fall wurde wegen Befangenheit abberufen, dessen Befangenheit wurde inzwischen vom Oberlandesgericht bestätigt
  • Der Polizeibericht, der zur Verhaftung von Julius Meinl führte war fehlerhaft

Der Kreis schließt sich übrigens bei der ewig langen U-Haft für die TierschützerInnen rund um Martin Balluch. Ich persönlich finde ja dieses militante Vegetariertum ebenfalls suspekt, aber eine U-Haft zu verhängen mit der Begründung, es handle sich um eine kriminelle Organisation, weil diese verschlüsselte Mails verschicken und rechtwidrige Taten gegen die Firma Kleiderbauer nicht verurteilen, entbehrt dann doch jeglicher Rechtsstaatlichkeit.

Wahrscheinlich wurde in der österreichischen Justiz schon immer mit zweierlei Maß gemessen. Es kommt eben nur jetzt durch eine schwache und inkompetente Justizministerin und einige gut informierte Journalisten stärker zu Tage.