Polanski und die Kinderpornoindustrie
Ein international bekannter und anerkannter Regisseur setzt eine 13 jährige unter Alkohol und vergewaltigt diese anschließend. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren mit entsprechender medialer Begleitung. Der Regisseur fürchtet eine Verurteilung und flüchtet nach Europa. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen wird der Regisseur nicht ausgeliefert, sondern vielmehr in Europa hofiert. Er dreht weiter Filme und erhält Preise, die Welt schien in Ordnung für Herrn Polanski. Schließlich betrachtete sogar sein damaliges Opfer die Vergewaltigung als erledigt an. Mehr als 30 Jahre nach der Tat wird der mutmaßliche Kinderschänder allerdings in der Schweiz verhaftet und aller Voraussicht nach an die USA ausgeliefert. Was nun passiert ist ein schönes Beispiel dafür, wie gerne die Politik mit zweierlei Maß misst. Es folgt ein Aufschrei in der europäischen Politik- und Kulturszene. Allen voran der französische Kulturminister Frederic Mitterrand, der sich schockiert zeigte und mit Herrn Sarkozy in Kontakt ist. Auch Sarkozy hofft auf eine Lösung der Situation und Lösung hieße da wohl keine Auslieferung. Es ist sinnlos hier über die Schuld oder Unschuld von Polanski zu spekulieren, aber ähnlich zum Fall Otto Mühl und zum Fall Jack Unterweger, beide Liebkinder einer politisch durchsetzten Kulturszene, tendiert auch hier die Politik dazu Prominente zu pardonieren.
Dabei tut sich gerade die französische Regierung besonders als Law and Order Proponent hervor. Im Kampf gegen Computerkriminalität zu der natürlich auch das Downloaden urheberrechtlich relavanter Privatkopien zählt, wollte genau diese Regierung die digitale Todesstrafe einführen. Was soviel heißt wie, das Verurteilen der Zugang zu Computern und zum Internet verwehrt wird. Gefordert hat dies vor allem die Musik- und die Filmindustrie also genau jene Branche deren Teil Polanski aber auch die Frau des französischen Präsidenten ist. Damit das jetzt hier nicht zur ultimativen Verschwörungstheorie wird: Natürlich steckt nicht Polanksi hinter der Urheberrechtsmafia, aber das Beispiel zeigt, wie willfährig sich die Politik gegenüber bestimmten Interessen gibt. Im Fall Polanksi sogar soweit, dass Politiker aus europäischen Rechtsstaaten eine Freilassung eines Kinderschänders fordern. Dabei kann der europäischen Politik auf der anderen Seite der Kampf gegen Kinderpornografie gar nicht weit genug gehen, wenn zum Beispiel unsere Justizministerin eine Zensurinfrastruktur in der Form von DNS-Sperren schaffen will und damit Internetuser unter Generalverdacht stellt.
Zweiklassenjustiz nenne ich das gerne und in Österreich ist und das leider hinreichend seit Florian Klenks Falter Serie bekannt. Während Anzeigen gegen Minister einfach und zufällig übersehen werden, wird gleichzeitig illegal gegen durch die Immunität geschützte Abgeordnete der Opposition ermittelt. Während ein Justizskandal nach dem anderen aufgedeckt wird, kümmert die Ministerin vor allem die Suche nach dem Whistleblower. Und dem noch nicht genug soll jetzt auch noch heftig im Kampf gegen das Phantom Kinderpornoindustrie zensuriert werden.

Armin Soyka
3.10.09 , 16:10
gewohnt ansprechend geschrieben. toll quer gedacht, die paralellen sind mir nicht aufgefallen! #wertvoll
ps: “also genau jene Branche deren Teil Polanski aber die Frau des französischen Präsidenten ist” da ist wohl ein “auch” verloren gegangen?
Ralph Möllers
3.10.09 , 17:10
Bevor man da so schnell den Revolver zieht sollte man wohl erst einmal die Fakten checken. In der Süddeutschen von Gestern ist das vorbildlich vorgemacht.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/315/489700/text/
Ganz so einfach (Vergewaltigung - Flucht - Kinderschänder wird international hofiert) ist es eben doch nicht. Es gab einen Prozess, es gab einen Deal mit dem Gericht und dem Opfer, es gab KEINE Gewalt, es gab einen publicitygeilen Richter, der sich mit dem Fall profilieren wollte und einen Roman Polanski, der sich in allen Belangen nach den Anweisungen des Gerichtes verhalten hat. Der Deal wurde einseitig widerrufen und Polanski, der sich auf Anweisung des Gerichtes in eine forensische Psychatrie begeben hat, ist nach seiner vereinbarungsgemäßen Freilassung aus der Psychatrie abgehauen weil der Richter plötzlich gegen den Willen ALLER Beteiligten den Fall neu aufrollen wollte. Der Staatsanwalt, der Anwalt der Klägerin und Polanskis Anwalt haben sich gegen diese Neuaufnahme ausgesprochen, trotzdem wurde sie betrieben und an diesem Punkt ist Polanski dann tatsächlich abgehauen.
Das hat nichts mit Kinderporno zu tun! Natürlich ist es verachtenswert, was Polanski getan hat. Natürlich ist auch einvernehmlicher Sex mit Minderjährigen zu Recht strafbar. Aber vor lauter Verurteilungseife nicht nachzufragen, was genau eigentlich passiert ist, ist eben auch nicht in Ordnung.
nic_ko
3.10.09 , 17:10
gebe dir im prinzip recht: zweiklassenjustiz etc.
vergehen gehören bestraft - wurscht, wer sie begeht.
und warum er nicht schon vor jahren ausgeliefert wurde, ist mir ebenfalls ein rätsel.
der gerechtigkeit halber finde ich aber, dass es schon erwähnt gehört, dass polanski einen teil seiner strafe damals abgesessen hat und vermutlich den rest auf bewährung bekommen hätte, wenn er nicht aus den usa geflohen wäre.
er hat auch IIRC vor nicht all zu langer zeit einen antrag gestellt, dass sein verfahren eingestellt wird - und ihm wurde gesagt, dass das ziemlich wahrscheinlich so sein wird, nur muss er eben vor gericht erscheinen (und da hat er dann gekniffen… selber schuld).
jetzt, wo die stimmung in amerika extrem gegen ihn ist, sind die chancen darauf sehr gering.
in den meisten ländern der welt (auch in österreich) wäre die tat inzwischen verjährt. was ich im prinzip falsch finde - da gehörten, finde ich, die gesetze in puncto vergewaltigung noch einmal gründlich durchdacht. aber wie dem auch sei: ich finde, es einfach zu kurz gegriffen, das so schwarz/weiß zu sehen. gerade rechtlich scheint mir das ein extrem diffiziler fall zu sein.
dazu kommt auch noch, dass durch all das sein damaliges opfer wieder ins interesse der öffentlichkeit rückt. und die gute frau will einfach nur ihre ruhe haben und mit ihrer familie leben. der wird echt kein guter dienst erwiesen…
versteh mich nicht falsch. ich bin keinesfalls dafür, dass er eine sonderbehandlung bekommt. (und dass er prominent und künstler ist, ist ohnedies weiß gott kein argument.) ich finde nur, es ist nicht ganz so einfach zu (be)urteilen, wie (zumindest mir) durch deinen text vermittelt wird.
nic_ko
3.10.09 , 17:10
da haben ralph möllers und ich wohl grad zeitgleich gepostet…
Mia
3.10.09 , 20:10
Schlimmer als die Nicht-Auslieferung damals ist doch der politische Aufschrei jetzt… Wenn ein Herr XY verhaftet worden wäre, hätte kein Hahn danach gekräht.