Wer Rassist ist, bestimmen immer noch wir!
“Wer a Tschusch ist, bestimmen immer no miar” titelt Philipp Sonderegger in einer Art Replik auf mein PC Blogposting über den Unilever und das angebliche Pfui-Wort Mohr und beansprucht damit letztlich die Deutungshoheit über die Rassismusdefinition für sich. Das meiste von dem, was er schreibt, ist natürlich richtig und trotzdem bleibt ein sehr schaler, belehrender Nachgeschmack. In die selbe belehrende Kerbe schlägt übrigend Klaus Werner-Lobo, der von mir für eine öffentliche Entschuldigung verlangte. Beide bedienen damit unser tiefstes katholisches Bedürfnis nach Schuld und Schuldzuweisung, sie geben die Anti-Rassismus Prediger und sagen uns, dass wir schlecht sind und Buße tun müssen. Das alles ist voll in Ordnung, denn den Fakten, die Klaus Wener-Lobo und Philipp Sonderegger bringen, kann man nur manchmal etwas entgegen setzen.
Das Problem entsteht dann, – und das tut es bei Predigern eben sehr oft – wenn der eigene Wahrheitsanspruch totalitär wird und schon die Diskussion darüber mit der Rassismuskeule erstickt werden soll. Hat man also Bedenken, was das Ausspracheverbot von verschiedenen Worten angeht, folgt der Bann der Prediger.
Das ist auch kein Verbrechen – solange man sich des eigenen, anerzogenen strukturellen Rassismus (ähnlich verhält es sich mit Sexismus, Homophobie, Antisemitismus etc.) bewusst ist, diesen reflektiert und vor allen Dingen auf entsprechende Hinweise – etwa durch Betroffene – wohlwollend reagiert. Wenn das aber nicht geschieht, dann ist – und ich verwende den Ausdruck bewusst – auch struktureller und z.B. sprachlicher Rassismus ein Verbrechen, weil er gegen die Menschenwürde verstößt. Und deshalb auch nicht Gegenstand der freien Meinungsäußerung.
Schreibt Klaus Werner-Lobo in seinem Blog. Das ist dann nichts anderes als ein Diskussionsverbot, das dem Gegenüber schlicht die Möglichkeit abspricht, nach dem eigenen moralischen Empfinden zu handeln, sondern den gepredigten Kodex namens PC zum moralischen Gesetz erheben möchte. Immerhin bezichtigt sich Klaus Werner-Lobo gleich auch selbst des Rassismus, ebenfalls ein recht katholischer Zug.
Derzeit steht mein Beitrag über PC bei 75 Kommentaren, das ist einsamer Rekord auf diesem Blog und mir spukt die ganze Zeit die Frage im Kopf herum, warum gerade dieses doch relativ unwichtige Thema uns alle so engagiert diskutieren lässt. Ein Posting über die Machenschaften bei Goldman-Sachs hätte wohl kaum so viel Aufmerksamkeit erregt. Meiner Meinung nach liegt es zum einen Teil an der Unsicherheit, die zumindest ich und wahrscheinlich auch viele andere mit dem Thema verbinden. Folgt man der Definition von Philipp Sonderegger, so bestimmt der Diskriminierte, wann er sich beleidigt bzw. diskriminiert fühlt. Das heißt, man begibt sich ständig unbewusst in Gefahr, jemanden zu diskriminieren. Und das klingt jetzt schon wieder nach Erbsünde.

Mathias
27.07.09 , 10:07
Gebe dir vollkommen Recht – auch mich hat Lobos Kommentar an die katholizistische Lehre von der Erbsünde erinnert, wonach wir alle Sündiger sind und ständig Buße tun müssen. Mag auf den ersten Blick übertrieben wirken, trifft aber genau den Kern der Sache und macht einen Diskurs auf gleicher Basis von vorne herein unmöglich.
Martin Lengauer
27.07.09 , 10:07
Was an dem zitierten Absatz von Klaus Werner-Lobo rechtfertigt das Attribut “Bann der Prediger”????? Wenn er die Reaktion des “Anderen”, des potentiell Diskriminierten als Richtschnur nimmt und eine wohlwollende Reaktion, also eine diskursive, kommunikative Handlung einfordert, dann ist das bitte alles andere als ein Diskussionsverbot. Noch dazu, wo Werner-Lobo die Notwendigkeit betont, sich die eigene Verstrickung in strukturellen Rassismus bewusst zu machen. Dein alternativ angebotener Rekurs aufs moralische Empfinden – wenn es denn mehr sein soll als das so genannte Bauchgefühl – meint entweder genau das, oder er geht ins Leere. “Moralisch Empfindende”, die sich selbst nicht mehr relativieren können, sondern ihr Verhalten als der Weisheit letzten Schluss behaupten, gibt’s hier zulande genug. Siehe Michael Jeannee’s Hinterfotzigkeit in der gestrigen Sonntagskrone.
Mathias
27.07.09 , 11:07
@Martin: Das Problem ist, wie er diese kommunikative Handlung einfordert – und zwar mit dem Verweis, dass sämtliche Kritiker dessen sich auf die Ebene von Rechtsextremen begeben würden. Begründet wird dies mit einem angeblich strukturell verankerten Rassismus, für den es sich zu rechtfertigen gilt. Findest du das eine gute Basis für eine gleichberechtigte Diskussion?
Philipp Sonderegger
27.07.09 , 11:07
Lieber Gerald!
Den Vorwurf des Predigens nehme ich an. Es fällt mir bie dieser Diskussion nicht leicht, zurückgelehnt zu bleiben.
Inhaltlich habe ich zwei Einwände.
Ad Rassismuskeule. Wenn Rassismus sanktionierbar sein soll, dann müssen wir uns auf einen “objektiven” Tatbestand von Rassismus einigen, den wir als ethische Richtschnur anerkennen. Worin der Tatbestand genau besteht, wird gesellschaftlich ausgehandelt und ist zumindest im Detail immer umkämpft.
Diese Auseinandersetzung führt man, in dem man streitet, ob dieses oder jenes rassistisch ist. Deshalb kommt man manchmal auch nicht umhin, Handlungen als rassistisch zu beurteilen. Im konkreten Fall das Sprechen. Darin kann ich noch kein Diskussionsverbot erkennen, das bedeutet auch nicht den Ruf nach der/m StrafrichterIn und es bedeutet schon gar nicht, dass nicht jedeR selbst verantwortet, wie sie/er handelt.
Etwas plakativ: Würde man deiner Argumentation folgen, könnte sich auch ein Neonazi die Bezeichnung als Rassistin mit dem Hinweis auf ein angebliches Diskussionverbot verbieten. Wie soll dann noch über Rassismus gestritten werden?
Zweitens eine Korrektur: Natürlich entscheiden nicht Betroffene, ob eine Diskriminierung vorliegt, ich verwende in meinem Beitrag Verletzung und Diskriminierung nicht synonym, wie es hier den Anschein erweckt. Du kannst die Erbsündenkeule also wieder einstecken
Lg, Philipp
Markus Otti
27.07.09 , 12:07
Es wäre in der Tat schon viel gewonnen, wenn das Gegenüber das eigene moralische Empfinden hinterfragen würde. Sich darüber zu empören, dass es jemand wagt, das einzufordern, ist doch recht wenig. Erstaunlicherweise gibt man Lobo inhaltlich eh irgendwie recht – aber nicht in dem Ton, oder wie? Selbst ist man dann (“Genderwahn”) weniger mimosenhaft und scheut sich nicht, auch mal tiefer in die Polemikkiste zu greifen. Wenn die anderen klare Standpunkte vertreten, sind sie Prediger, die einem am liebsten den Mund verbieten wollen. Vielleicht irre ich mich, aber ich habe schon den Eindruck, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird – weil nicht sein kann, was nach dem “moralischen Empfinden” nicht sein darf.
@Mathias
Für den nicht nur angeblich strukturell verankerten Rassismus soll man sich nicht rechtfertigen. Man soll sich vielmehr damit auseinandersetzen, dass es sowas gibt und wie es ins tägliche Leben einfließt, ohne dass man das will oder weiß. Dabei handelt es sich eben nicht um esoterisches, kryptokatholisches Geschwafel, wie immer wieder suggeriert wird, sondern um plausible sozialwissenschaftliche Erkenntnisse. Die sind auch nicht in Stein gemeißelt, aber auseinandersetzen muss man sich damit, und zwar statt diejenigen, die das einfordern, zu diffamieren.
Mathias
27.07.09 , 12:07
Gerne, nur muss es die Gegenseite auch akzeptieren, wenn man nach der Auseinandersetzung nicht zu dem von ihr gewünschten Ergebnis gelangt – also in dem Fall zu jenem, dass die Verwendung des Begriffs “Mohr im Hemd” als rassistisch bewertet werden kann. Dass man diese These verneint heißt ja nicht, dass man sich damit nicht auseinandergesetzt hat.
Gerald Bäck
27.07.09 , 15:07
@philipp Du hast ganz und gar recht über die Definition von Rassismus und vor allem darüber welche Taten und Werke denn nun rassistisch sind, muss immer wieder diskutiert werden. So war auch mein erstes Blogposting zu verstehen, das auch ein bisschen Hilflosigkeit mit dem Thema, aber auch Unverständnis auf den konkreten Anlass bezogen ausdrückt. Mit dem Diskussionsverbot waren aber die Beiträge von Klaus gemeint, sorry wenn ich das nicht deutlich genug getrennt habe. Die Erbsündenkeule packe ich gerne wieder ein, auch wenn der Begriff insgesamt schon gut zum Thema passt.
Zwischenrufer
27.07.09 , 20:07
@Gerald
@Mathias
Ich habe heute Vormittag in meinem Beitrag “Der Clown und die Erbsünde” sehr ähnliche Schlüsse gezogen.
Klaus Werner-Lobo
28.07.09 , 04:07
Nein das ist kein Diskussionsverbot. Vielleicht hab ich mich unklar ausgedrückt: Wenn ich die Menschenwürde verletze (z.B. durch rassistische Zuschreibungen), kann ich mich dabei nicht auf die freie Meinungsäußerung berufen. Natürlich aber muss diskutiert werden WO eine solche Verletzung der Menschenwürde vorliegt.
Wer die Interessen der von solchen Verletzungen betroffenen lächerlich macht scheint aber ohnehin nicht an Diskussion interessiert. Das ist Mangel an Respekt. Um den gehts auch bei der Analyse (eigener) struktureller Rassismen. Das mag einem christlichen Prinzip der Nächstenliebe entsprechen, aber da bin ich kein Experte. Find’s aber eh lustig, mir als Atheist von einem Gottesfürchtigen Katholizismus unterstellen zu lassen.
Gerald Bäck
28.07.09 , 10:07
@klaus Es geht aber eben darum, was die Menschenwürde verletzt und was nicht. Dass so etwas eine schwere Gradwanderung ist, bestreite ich nicht und ich hätte an der Stelle von Unilever auch anders reagiert, aber die Diskussion mit einer Aufforderung sich zu entschuldigen, ohne Argumente zu bringen, zu eröffnen, ist zumindest nicht diskursfördernd.
Es war zumindest nicht meine Intention jemanden lächerlich zu machen aber anscheinend gibt in der Diskussion nur ja oder nein, null oder eins, eine Annäherung der Positionen scheint nicht möglich. Das mit dem Katholizismus ist auch lustig, aber wir sind eben alle so sozialisiert!-)