Laizismus-Initiative? Lieber nicht.
Wie schon letzte Woche gebloggt geht in Österreich gerade die ideologisch geprägte Empörung gegen die katholische Kirche um. Unberechtigt ist und war diese Empörung natürlich nicht, aber man muss sich dabei immer die Frage stellen, was der jeweilige Journalist damit bezwecken möchte. Meist geht es dabei meiner Meinung nach eher um eine Beschädigung der Kirche als um eine Verbesserung der aktuellen Zustände. Dass man sich auch anders mit den aktuellen Ereignissen rund um Bischofsbestellungen und Holocaust-Leugner auseinandersetzen kann, zeigt dieser Beitrag von andrea me.
Als direktes Produkt aus der Debatte rund um die katholische Kirche, aber natürlich auch aus den Ereignissen in Zusammenhang mit dem islamischen Religionslehrer, der laut verschiedener Medien antisemitische Flugzettel in Religionsunterricht verteilt haben soll, hat sich eine sogenannte Laizismus-Initiative im Netz gebildet. Diese Initiative wird in der österreichischen Blogging- und Microblogging Szene meinem subjektiven Eindruck nach relativ gut angenommen und sorgt zumindest für ordentlich Buzz im Twitterversum. Ich kann nicht verhehlen, dass ich als gläubiger Katholik dem ganzen relativ skeptisch entgegen sehe, trotzdem habe ich mir mal angesehen, was dort so gefordert wird.
Falsch interepretierte Toleranz und historisch bedingte Unaufgeklärtheit führten dazu, dass Religion an Schulen unterrichtet werden darf, es aber vom Staat eine willkürliche Festlegung gibt, wem dieser Unterricht zusteht. (http://www.laizismus.at/was-will-die-laizismus-initiative/)
Die Abschaffung des Religionsunterrichts scheint die zentrale Forderung dieser Initiative zu sein. In der Tat gibt es Probleme beim Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Da wäre mal, dass es anscheinend keine ausrechenden Kontrollmöglichkeiten für die Schule gibt. In der Praxis betrifft dies zwar vor allem die islamischen Religionslehrer, aber eine solche Kontrollmöglichkeit mit damit verbundenen Sanktionsmöglichkeiten durch den Schulinspektor oder jeweiligen Landesschulrat muss natürlich gegeben sein. Das Festlegungen und eingezogene Grenzen immer willkürlich erscheinen und es bis zu einem gewissen Grad auch sind, ist für mich klar. Schließlich durfte ich bis einen Tag vor meinem achtzehnten Geburtstag nicht wählen und am nächsten Tag schon, obwohl sich logisch und faktisch wenig geändert hatte. Wenn ich mich an meine Schulzeit zurück erinnere war der Religionsunterricht jedenfalls eines der spannenderen Fächer, meist mit besseren Pädagogen besetzt und lebendiger gestaltet als der Rest des relativ tristen und humorlosen Schulalltags. Im Religionsunterricht, wie ich ihn erlebt habe, war mitdenken und mitdiskutieren im Gegensatz zur stupiden “Friss oder Stirb” Methode in den meisten anderen Fächern möglich. In der aktuellen Debatte gewinnt man den Eindruck, als wäre der Religionsunterricht etwas schlimmes, gemeines, dass unseren Kindern eine Lebensweise aufzwingen möchte. Das Gegenteil ist der Fall, er ist ein Angebot, das sollte auch so bleiben.
Aber auch die anderen Sonderrechte der Religionen haben in einer Demokratie schon alleine deshalb keine Berechtigung, weil sie diskriminieren. So betrachten beispielsweise Gläubige ihre nicht nachweisbaren religiösen Gefühle als besonders schützenswert, während ähnliche Gemütszustände im Strafgesetzbuch keinen entsprechenden Schutz erfahren. (http://www.laizismus.at/was-will-die-laizismus-initiative/)
Da haben sie vollkommen recht. Satire, Presse- und Meinungsfreiheit sind meiner Meinung nach um einiges höher zu bewerten, abgesehen davon ist so etwas immer schwer nachzuweisen. Für alles andere gibt es den allgemein gehalteneren Tatbestand der Verhetzung, das dürfte wirklich ausreichend sein.
Daneben gibt es noch eine Reihe anderer rechtlicher Sonderstellungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften, die im Vergleich zum Religionsunterricht von nachgelagerter Priorität sind und daher hier nicht näher erläutert werden (http://www.laizismus.at/was-will-die-laizismus-initiative/)
Was damit gemeint sein könnte, kann man nur vermuten. Für jeden, der unterschreibt, besteht aber ein gewisses Risiko, dass später neue Forderungen unter diesem Titel dazu kommen. Ich mutmaße, damit sind folgende Dinge gemeint:
- Das Konkordat
- Die Kooperation zwischen Finanzamt und Kirche im Rahmen des Kirchenbeitrags
- Die Kreuze in den Schulklassen
Unser Staat und unsere Gesellschaft beruhen auf einer christlichen Basis. Diese Basis ist eben nicht Zeichen einer vermeintlichen Repression, sondern ein Symbol für unsere Wurzeln und unsere ethische Basis, auch als Abgrenzung zu repressiveren Gesellschaftsentwürfen. Zu dieser Basis gehört für mich auch die Religionsfreiheit, die es eben auch erlauben (nicht verpflichten) muss, dass unsere Kinder in der Schule Religionsunterricht erhalten. Der Staat kann auch Religionsgemeinschaften nicht vollkommen ignorieren und muss sich bei allem Verständnis für die Trennung von Kirche von Staat mit diesen in irgendeiner Art und Weise arangieren. Und nichts anderes tun dabei die Verträge zwischen Staat und Glaubensgemeinschaften, manchmal eben auch Konkordat genannt.
Update: Wie Niko Alm bereits in seinem Kommentar bemerkt hat, besteht die Gefahr, dass jetzigen Unterstützern später weitreichendere Forderungen “untergejubelt” werden, nicht. Danke für den Hinweiß: http://www.laizismus.at/beta

Andrea Mayer-Edoloeyi
21.02.09 , 14:02
Ein sehr feiner Text! Und danke fürs Verlinken.
Die Grundmessage der Laizismus-Inititiative – Kirche und Staat trennen – ist ansich ja richtig, aber es ist für mich die Frage, wie das zu verstehen ist und da teile ich deine Einwände. Ich meine, dass “Trennung von Staat und Kirche” allen voran heisst alle Religionen und auch jene Menschen, die keiner Religion zugehörig sind, gleich zu behandeln. Das ist bei uns auch Gesetz und das ist gut so. Das impliziert aber für mich nicht, dass es keine produktive Zusammenarbeit zwischen Staat und Religionsgemeinschaften geben kann, den Religionen tragen auch etwas zur Gesellschaft bei (Jürgen Habermas sagt, sie artikulieren Sinngehalte, die nur so artikulierbar sind). Dass es dabei z.B. im Religionsunterricht Standards bezüglich demokratischer Grundeinstellung der LehrerInnen und deren pädagogischen Ausbildung geben muss, ist keine Frage – aber die Konklusio, alles abzuschaffen, wie es die Laieninitiative fordert, ist es für mich nicht – denn da wird auch etwas abgeschafft, was ein ganz wichtiges Gegengewicht zum reinen Nutzenkalkül ist. Menschen haben eine ungeschuldete Würde – das wir das heute wissen, ist christliches Erbe, auch wenn es am Anfang gegen die Kirche durchgesetzt werden musste. Daran immer wieder zu erinnern ist zentrale Aufgabe der Kirche, es ist traurig, dass das manchmal aus dem Blick gerät, aber soviel Vertrauen habe ich schon ins “Volk Gottes”, dass wir da auf dem richtigen Weg sind.
alm
21.02.09 , 14:02
Lieber Hr. Bäck,
danke für dieses faire Posting. Das Risiko den UnterstützerInnen weitere Forderungen unterjubeln zu wollen kann ich beschwichtigen: siehe http://www.laizismus.at/beta.
BG
Niko Alm
Judith
21.02.09 , 14:02
Hello Gerald,
ich als österreichische Staatsbürgerin, die 13 Jahre in den Genuss von Religionsunterricht gekommen ist, sehe das etwas anders.
Das Diskutieren und die vermeintliche Ethikerziehung (beides muss immer wieder als Argument für den Religionsunterricht herhalten) ist eine Farce. Auch im Religionsunterricht ist ein Lehrplan einzuhalten ist und eine angemessene Note zu erteilen – und Bemessungsgrundlage für diese Noten ist die Reproduktion von 2000 Jahre alten Mythen, möglichst ohne kritische Auseinandersetzung mit diesen (“ist ja alles nur symbolisch”. Da meine Eltern katholisch sind, musste auch ich mit damit auseinandersetzen, ohne daran auch nur ein bisschen brauchbares entdecken zu können. Halt, doch eines gabe es da: als ich begonnen habe, Germanistik zu studieren, wurde mir im Seminar gesagt, dass die Bibel als die größte literarische Motivsammlung gilt.
Fakt ist: Ich als Frau, Ex-Katholikin und Österreicherin sehe die katholische Kirche als religiöse Überhöhung des Patriarchats, als Repressalie für alle Menschen, die nicht so leben möchten wie die Katholiken es gerne hätten. Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Kirche als Lobbyist gegen Frauenrechte, Homexualität usw. nicht auch noch vom Staat auf besondere Weise gefordert wird.
Ein Staat auf Basis christlicher Werte ist für mich in keinster Weise wünschens- oder erstrebenswert.
Wir vertreten also genau die Gegenposition. Das ist auch gut und okay so. Meine Frage aber: warum werden wir vom Staat ungleich behandelt?
Andrea Mayer-Edoloeyi
21.02.09 , 18:02
Erst mal freue mich mich, das ich gerade gelesen habe, dass die Laizismus-Inititiative ihre Forderungen nochmal überarbeitet. Das ist sicherlich gut so. Und dann habe ich gerade gesehen, dass ich wirklich beim Tippen in meinem letzten Posting Laizismus-Inititiative und Laieninitiative verwechselt habe, sorry.
@Judith: Dass du deinen Religionsunterricht so schlecht erlebt hast, ist schade. Ich hatte da auch keine besonders tollen Lehrer_innen, irgendwie kann ich mich nicht mal mehr an alle Namen erinnern
Religionsunterricht gibts in sehr unterschiedlicher Qualität, wie auch den Unterricht in anderen Fächern. Ich glaube, dass da viel besser geworden ist, auch im katholischen Bereich, weil (christliche) ReligionslehrerInnen alle eine sehr fundierte pädagogische Ausbildung haben (das Islam muss da aufholen, ist aber auch dran) – und jede zeitgemässe Pädagogik setzt voraus, dass Glaubenvermittlung in Kommunikation mit den Schüler_innen passiert.
Ich denke, das es in Europa keinen Staat ohne christliche Werte als Basis/Ausgangspunkt geben kann, weil das ist unsere Geschichte und das was heute ist kommt nicht aus dem Nichts. Menschenrechte sind universal – und diese Erkenntnis ist zutiefst christliches Erbe. Geschichte ist aber auch wandelbar und gestaltbar – und eine Konsequenz war ja richtigerweise auch die Trennung von Kirche und Staat wie wir sie heute haben. Das die Kirche, z.B. was Frauen betrifft, Aufholbedarf hat, ist klar und das kritisiere ich auch genauso wie manche Bischöfe, die homophobe Positionen vertreten.
Judith
21.02.09 , 19:02
@andrea oh, von einem alten Priester abgesehen waren meine Religionslehrerinnen alle sehr nett und haben sich viel Mühe gegeben. Mandalas bemalen und über die vom Papst erlaubte Verhütung (das gute alte “Vatikan Roulette”) zu diskutieren waren immer eine nette Abwechslung zum Unterricht. Aber absolut redundant. Und dass hier auf Staatskosten eine Weltanschauung “gelehrt” werden soll, empfinde ich nach wie vor als eine Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht.
Die Mär mit den christlichen Werte und Europa kann ich nicht unterschreiben – die Werte, die uns aus dem Mittelalter geholt haben, waren jene der Aufklärung.
“Aufholbedarf” in Sachen Frauen/ Toleranz gegenüber Homosexualität usw. empfinde ich als Euphemismus. Ratzinger und seine Altherrnriege sind Verhinderer, keine Reformer. Die Kirche von innen heraus verändern zu wollen, ist meiner Meinung nach absolut zum Scheitern verurteilt. bzgl Menschenrechte fällt mir vor allem eins ein: der Vatikan erkennt die UN Charta nicht an.
Andrea Mayer-Edoloeyi
22.02.09 , 22:02
@Judith: Ich denke auch, dass die Aufklärung zuerst gegen die Kirche, besonders die katholische Kirche, durchgesetzt werden musste – und gleichzeitig ist die Aufklärung, so paradox das klingt, ohne das Christentum nicht denkbar, denn z.B. die kantsche Ethik schöpft geradezu aus dem Reservoir christlicher Philosophie. Aber über Geschichtsinterpretationen kann man_frau trefflich streiten
“Aufholbedarf” ist wirklich zu sanft formuliert – in den von Dir angesprochenen Fragen bin ich auch ganz deiner Meinung, wir fänden sicher noch einige Punkte, mir viele da aufs erste mal die undemokratische, hierachische Struktur ein. Das sehe ich – und gleichzeitig ist diese Kirche doch meine Kirche, weil es eben auch ganz andere Traditionsschienen gibt, die Würde, Gleichheit, Emanzipation in den Mittelpunkt rücken. Das will ich sehen – aber da lässt sich vielleicht dann gar nicht mehr trefflich streiten, sondern das ist einfach auch eine Glaubensfrage.
Giuseppina Yonce
14.09.11 , 03:09
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