re:publica09 Rückblick

von Gerald Bäck am 4.04.09

Gestern – bzw. heute wenn man Sascha Lobos #followerparty mitrechnet – ging also die re:publica09 zu Ende. Bloggen und Twittern war während der Konferenz nur eingeschränkt möglich, da das WLAN etwas von Jörg Haider hatte – es war mal weg und dann wieder da. Aber sei’s drum, die meisten Vorträge waren ohnehin viel zu interessant, um während dessen zu bloggen.

Was konnte ich also von der re:publica09 mitnehmen? Da wäre zum Beispiel, dass eine Twitterlesung etwas extrem lustiges sein kann, dass Babykotze relevant ist und dass man die sieben Todsünden beim Blogdesign durchaus kreativ verwirklichen kann, dass Atheisten wie Missionare mit Bussen durch England fahren und dass es eine Hedonistische Internationale gibt. Was noch?

Old Media und New Media stehen nach wie vor in Konkurrenz

In den klassischen Medien kann man ja immer wieder lesen wie Scheiße eigentlich Twitter ist und wie unseriös Blogger sind und vieles mehr. In Österreich steht dafür stellvertretend Falter Chefredakteur Armin Thurnher, der so gar kein gutes Haar am Bloggen lassen möchte. Bisher dachte ich diese Eifersuchtsdramen sind vor allem einseitig, das heißt von Seiten der klassischen Medien gesteuert. Auf der re:publica09 konnte ich aber eine Menge Blogger kennen lernen, die sich durchaus in Konkurrenz zu den klassischen Medien sehen und versuchen einen Wettstreit herbei zu bloggen, der meiner Meinung nach genauso so sinnlos und vor allem witzlos ist wie die wehleidigen Kommentare aus den Chefredaktionen. Interessant dabei ist, dass die klassischen Medien aber weiterhin die Leitmedien der Blogosphäre bleiben. So gilt es immer noch als großer Erfolg, wenn klassische Medien eine Story von einem Blog übernehmen. Zugegeben mich würde das auch sehr freuen, aber steht dieses Bestreben nicht im Gegensatz zu der oft ausgegeben Prämisse unter Bloggern, dass die klassischen Medien gar nicht mehr relevant seien? Der Wissenschaftler John Kelly wies noch auf einen anderen interessanten Umstand in seinem Vortrag hin, nämlich dass Blogger vorwiegend auf klassische Medien wie Spiegel Online verlinken und nicht auf Blogs. Für Österreich hatte Kelly leider keine Daten, aber meinem Empfinden nach ist es bei uns ähnlich, nur wird eben auf Standard Online und diepresse.com verlinkt. Das unterstreicht also meine These, dass die klassischen Medien nach wie vor die Leitmedien der Blogospähre sind. Ich persönlich kann dieses herbeigeredete Konkurrenzverhältnis auch nicht ganz nachvollziehen. Weder sehe ich mein Blog als Newsquelle noch als nach journalistischen Regeln erstelltes Medium. Es wird auch weiterhin Journalisten brauchen und es wird auch weiterhin Blogger brauchen. Beide sind wichtig und beide nehmen sich wohl zu wichtig!-)

Die Wissenschaft hat das Web2.0 entdeckt

Der schon erwähnte John Kelly übertrug die soziale Netzwerkanalyse in Form von physikalischen Modellen auf Blogs und konnte dabei einige interessante Feststellungen treffen. Zum Beispiel, dass Liberale fast nur zu Liberalen und Konservative ebenfalls zum Großteil zu ihresgleichen verlinken. Kelly bezeichnete diesen Trend als bedenklich und ich kann mich dem nur anschließen. Ebenfalls bemerkenswert war die Keynote von Dr. Jan-Hinrik Schmidt, der sich als Soziologe mit dem Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit in Sozialen Netzwerken beschäftigt.

Politikblogs ein alter Hut?

Auch mein Blog beschäftigt sich zum Großteil mit Innenpolitik. Was soll ich tun, ich bin nun mal so sozialisiert!-) Auf der der re:publica gewann ich aber den Eindruck, dass das Thema eher ausgelutscht ist. Sehr ernüchternd war dabei der Vortrag von Tobias Escher. Escher stellte fest, dass das Web2.0 durch den sogenannten Digital Divide den Zugang zur Politik und zu Politikern noch erschwert. Das heißt, dass es dadurch nur für privilegierte Schichten mit überdurchschnittlicher Bildung und Einkommen einfacher wird, Politiker zu kontaktieren oder politisch aktiv zu werden. Die Mär von einer stärkeren Demokratisierung durch das Web kann man also getrost vergessen. Insgesamt schien mir das Thema Politikblogs schon etwas abgedroschen, was sich auch an einer äußerste zähen Podiumsdiskussion bemerkbar machte.

Abschließend ziehe ich ein sehr positives Resumee über die re:publica09. Ich konnte viele Inputs für Beruf und Hobby mitnehmen und werde, wenn es meine Zeit erlaubt, auch 2010 dabei sein.

PolitikerInnen auf Twitter

von Gerald Bäck am 28.03.09

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Mit PolitikerInnen im Netz ist das so eine Sache. Meistens entdecken Sie den Wähler erst kurz vor einer Wahl und so manifestiert sich dann auch deren Online-Engagement. Wer erinnert sich noch an das herzige Online-Tagebuch von Benita Ferrero-Waldner während des Wahlkampfs um das Amt des Bundespräsidenten? Kaum war die Wahl vorbei, endete auch Ferreros Blog. Ein aktuelles Beispiel liefert auch Reinhard Rohr mit seinem Rohrblog. Seine Beiträge enden exakt mit dem Wahltag, kein Wort des Dankes seine Wähler, kein Kommentar zum Ausgang der Wahl. Da fühlt man sich als Wähler gleich besonders ernst genommen. Es gäbe hier noch eine Menge Beispiele, die alle zeigen, dass die österreichische Politik noch noch nicht im Web2.0 angekommen ist und dieses nur als zusätzlichen Kanal für die üblichen Wahlkampfbotschaften begreift.

Bei der Nutzung von Twitter im speziellen sieht es ähnlich aus. Die Hitliste, wie man nicht twittert, führt in diesem Fall Wilhelm Molterer an, wobei ich bezweifle, dass Molterer jemals persönlich einen einzigen Tweet abgeschickt hat. Mit Tweets wie: “Morgen ÖVP wählen.” , versuchte Molterers Mannschaft via Twitter Stimmung zu machen. Allerdings, ein Dialog fand nicht statt. Erst nach erfolglos geschlagener Wahl gab es auch Antworten per Reply, wobei Molterers letzter Tweet am 1.10.2008 schon etwas ungewollt kultiges hat. Ähnlich ungelenk agierte auch die SPÖ im letzten Nationalratswahlkampf. Unter dem Nick @neuepolitik versuchten sich Feymann und Rudas gemeinsam. Bezeichnend ist, dass der Account gelöscht wurde, also ebenfalls kein langfristiges Web2.0 Konzept bei der SPÖ verfolgt wird. Die Grünen leisten sich immerhin einen Account für die Kommunikation. Unter @diegruenen_at kann man aktuelle Botschaften abrufen, mehr aber auch nicht. Auch bei den Grünen haben noch nicht alle begriffen, dass Twitter kein Broadcasting Medium ist, denn auf Replys antworten die Grünen ebenfalls nie. BZÖ und FPÖ können wenigstens keine inadäquate Mediennutzung demonstrieren, da es schlicht und einfach keine Vertreter dieser Parteien auf Twitter gibt. Daran zeigt sich wohl auch, dass wir alle die Macht von web2.0 Medien gehörig überschätzen.

Aber nun zu den positiven Beispielen und die kommen zum Großteil von den Grünen, sind aber auch dort spärlich gesät. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle @marcoschreuder, der Twitter am intensivsten und, wie ich finde, auch am intelligentesten nutzt. Ich habe an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal seine Berichterstattung von Bundeskongress der Grünen via Twitter und Blog erwähnt. Einen ähnlichen Service bietet der Grüne Gemeinderat auch seit neuestem während der Sitzungen des Wiener Landtages. Auf Anfragen und Bemerkungen reagiert @marcoschreuder im Normalfall innerhalb von Minuten.

Ich hab mir in den letzten Wochen die Mühe gemacht zu recherchieren, welche PolitikerInnen in Österreich denn nun twittern. Die Liste ist natürlich Work in Progress und ich freue mich über weitere Hinweise und Korrekturen und werde diese laufend erweitern.

Name Partei Ebene Funktion TwitterName
Martina Berthold GRÜNE Salzburg @MartinaBerthold
Christoph Chorherr GRÜNE Wien Gemeinderat @chorherr
Ulrike Feichtinger GRÜNE Gmunden Gemeinderat @die_gruene_uli
Elisabeth Hakel SPÖ Bund Nationalrat @ElisabethHakel
Mario Lechner GRÜNE Vorarlberg   @mariolechner
Eva Lichtenberger GRÜNE EU EU-Parlament @eva_lichti
Martin Margulies GRÜNE Wien Gemeinderat @martinmargulies
Severin Mayr GRÜNE Linz Gemeinerat @severinmayr
Wilhelm Molterer ÖVP Bund Nationalrat @wilhelmmolterer
Georgina El-Nagashi GRÜNE Wieden Bezirksrat @dienagashi
Siegfried Nagl ÖVP Graz Bürgermeister @siegfriednagl
Christian Passin ÖVP Währing Bezirksrat @waehringer
Volker Plass GRÜNE Bund @VolkerPlass
Marie Ringler GRÜNE Wien Landtag @MarieRingler
Astrid Rössler GRÜNE Salzburg Landtag @astrid_roessler
Andreas Schieder SPÖ Bund Bundesregierung @schieder
Edith Schmied GRÜNE Linz Gemeinderat @edithschmied
Marco Schreuder GRÜNE Wien Landtag @marcoschreuder
Barbara Sieberth GRÜNE Salzburg Gemeinderat @BarbaraSieberth
Martin Strobl SPÖ Graz   @mstrobl_graz
Hannes Swoboda SPÖ EU EU-Parlament @Hannes_Swoboda

Facebook-Kommentar führt zu Klagsdrohung durch Firma Nuntio

von Gerald Bäck am 6.03.09

Es begann mit einer simplen Statusmeldung auf Facebook. Hannes Offenbacher suchte dort nach kreativen Filmemachern in Wien. Als erste Antwort kam dazu vom User Michael Hollauf:

Was immer Du tust, Finger weg von der Firma Nuntio. Gaaanz schlechte Erfahrungen…

Es folgte im Status ein kurze Diskussion über die Firma Nuntio, die mir bis dato kein Begriff war und ein User meinte sogar, mit der Firma bisher nur gute Erfahrungen gemacht zu haben. Bereits einen Tag später setzte die Anwaltskanzlei Scheer einen Anwaltsbrief an Michael Holauf auf, nachzulesen hier. In dem Brief wurde Hollauf Kreditschädigung auf Grund ehrabschneidender Behauptungen vorgeworfen und dieser zu Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung, zur Widerrufung seiner Behauptung auf Facebook und zur Zahlung von Euro 720,- für den Anwalt aufgefordert.

Einmal abgesehen davon, dass in dem Facebook-Kommentar keinerlei ehrabschneidende Behauptungen getroffen wurden, sondern lediglich Erfahrungen (auch positive) ausgetauscht wurden, zeigt dieses Beispiel schön, wie man es nicht macht. Eine kurze Suche auf Twitter genügt, um festzustellen, wie beliebt sich Nuntio dadurch gemacht hat.  Im Prinzip hat Nuntio durch seine Vorgehensweise nur den Rat, die Finger von dieser Firma zu lassen, bestätigt. Die Vorgehensweise ist vor allem deswegen vorsichtig ausgedrückt suboptimal, weil die Nachricht auf Facebook im Normalfall höchstens von den Freunden das Erstellers gelesen wird. Jetzt allerdings verbreitet sich die schlechte Kunde über Nuntio zumindest in der Österreichischen Web 2.0 Welt sehr schnell.

Für Blogger und Facebook-User besteht kein Anlass zur übertriebenen Vorsicht in ihren Aktivitäten, da einerseits die Aussage gar nicht “ehrabschneidend” war und andererseits nicht jede Firma so einen PR-Gau riskieren möchte. Was bleibt von der Geschichte ist lediglich der nun mit Fakten untermauerte Spruch:

Finger weg von der Firma Nuntio

Update: Bzgl. der Kreditschädigung gibt es auch andere Meinungen, wie auch in den Kommentaren ersichtlich oder hier und hier. Ich bin kein Jurist, also mal sehen, wer Recht behält, sollte kein Vergleich rauskommen. Die Sache selbst zieht im Web immer weitere Kreise, so sieht eine Suche bei Google nach Nuntio bestimmt nicht mehr besonders vorteilhaft für das Unternehmen aus, bei Wikipedia fand Nuntio ebenfalls bereits Erwähnung und natürlich gibt es eine Menge Blogbeiträge darüber:

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