Reichweitenmessung auf Twitter

von Gerald Bäck am 11.02.10

Dieses Blogposting ist quasi derNachtrag zu meiner Session am Barcamp Klagenfurt über Reichweitenmessung auf Twitter. Twitter ist nach wie vor ein faszinierendes Tool auch wenn meinem subjektiven Eindruck nach die Menge der Nachrichten und die neuen Anmeldungen sehr stark abgenommen haben. Und natürlich ist Twitter nicht nur ein Kommunikationstool für Idealisten, sondern ein sehr gutes Marketing- und Kampagnentool. Das erst einmal erkannt, stellt sich sehr schnell die Frage nach der eigenen Reichweite. Einen ersten Versuch einer Antwort habe ich mit meinem Artikel über die Reichweite von #unibrennt gegeben. Ein Versuch deswegen, weil viele Faktoren nicht berücksichtigt werden konnten. So ist es nicht möglich zu erheben, wie oft ein Tweet tatsächlich gelesen wurde oder welchen Anteil an den Gesamtnachrichten das Thema hatte. Meine Erhebungen schlossen damit, dass 21,5 Millionen Leser und davon 400.000 eindeutige in nur vier Wochen durch #unibrennt erreicht werden konnten.

Auch im Printbereich gibt es eine Reichweitenmessung, die ebenfalls nicht unumstritten ist. So kommt es nicht nur mir sehr komisch vor, dass die Presse trotz nachweislich höherer Auflage bei der Mediaanalyse um Längen schlechter als der Standard abschneidet. Das gleiche gilt meiner Meinung nach für den Teletest, der schon lange nicht mehr die medialen Rezeptionsverhältnisse in den österreichischen Wohnzimmern abbilden kann. Größter Schwachpunkt aller Messmethoden ist es, dass die Aufmerksamkeit der RezipientInnen unberücksichtigt bleibt. Es ist schlicht unmöglich zu erfassen, welche Artikel einer Zeitung gelesen werden, welcher Tweet gesehen wird oder ob der Fernseher nicht nur allein vor sich hinläuft.

Die Skurrilen

Für Twitter gibt es eine Menge Tools, die versuchen die eigene Reichweite, den eigenen Einfluss auf das, was auf Twitter passiert, abzubilden. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um meistens skurrile Tools, die einen nicht nachvollziehbaren Wert ausgeben. Zusätzlich verheimlichen nahezu alle Anbieter die genaue Formel und geben nur ungefähre Angaben darüber, wie das eigene Ranking erstellt wurde. Jörg Marx hat sich schon vor längerer Zeit diese Dienste vorgenommen und analysiert, dem ist kaum etwas hinzuzufügen als meine Liste der skurrilen Seiten:

Die Charts

Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Twittercharts, die einzig und allein auf der Menge der eigenen Follower basieren. Meiner Meinung nach ist die Anzahl der eigenen Follower höchstens ein Anhaltspunkt für die eigene Reichweite. Mittlerweile ist es relativ einfach möglich, sehr schnell tausende Follower zu bekommen, die aber keinen realen Wert haben, weil diese Follower nur erspamt wurden und höchstwahrscheinlich die eigenen Tweets nie lesen werden. Indizien dafür, dass die Followerzahl für die Rezeption nicht unbedingt relevant ist, geben die Dienste twitpic und bit.ly. Beide geben in ihrer API die Anzahl der Klicks auf einem Link aus. Bei der Auswertung dieser Links zum Beispiel für #unibrennt ergab sich, dass die Menge der Follower keinen wesentlichen Einfluss auf die Zahl der Klicks hatte. User mit zehntausenden Followern konnten nicht mehr Klicks generieren als User mit ein- oder zweitausend Followern. Der wichtigste Vertreter dieser Art von Charts ist für Österreich twittercharts.at, die rein auf den Followerzahlen und der zugehörigen Geoangabe basiert.

Relevant ist nicht die Followeranzahl, sondern die Following Liste Deiner Follower

Sehr schnell hat sich auf Twitter die Zahl der Follower als Messgröße für die Reichweite etabliert. Dadurch traten ebenfalls sehr schnell verschiedene Anbieter auf den Plan, die im wesentlichen den Austausch von Followern anbieten. Ähnlich zum Linktausch folgt man sich also gegenseitig und erhöht so ebenfalls gegenseitig den eigenen Counter. Manche haben daher das Verhältnis zwischen Followern und Following als Messgröße vorgeschlagen. Meiner Meinung nach ist dieser Wert aber eine absolut irrelevante Größe und lässt wirklich logische Rückschlüsse kaum zu und kann höchstens als Faktor für einen Spamcheck verwendet werden.

Mein Ansatz dazu ist, dass es für die Reichweite auf Twitter vor allem relevant ist, wie vielen anderen Accounts Deine Follower folgen. Das heißt folgt mir jemand, der noch 10.000 anderen folgt, habe ich auch nur ein zehntausendstel seiner Aufmerksamkeit also einenWert von 0.0001. Folgt mein Follower hingegen nur 100 anderen Personen, wäre sein Wert 0,01. Dieser Follower wäre also wesentlich wertvoller für die eigene Reichweite. Rein technisch muss man also regelmäßig über die Twitter API die Daten jedes einzelnen Follower abfragen und so einen Reichweiten- bzw. Aufmerksamkeitswert für jeden einzelnen User errechnen. Ich habe das im letzten Jahr sehr intensiv mit einer eigenen Applikation gemacht und mittlerweile circa 16 Millionen Profile in der Datenbank. Aus diesen Daten ergibt sich folgendes Ranking für die Twitterantinnen aus Österreich:

PR Value Follower
1. twidroid 7644.73 112549
2. ArminWolf 1206.46 10722
3. MSF_austria 691.23 2445
4. Vergraemer 370.15 13167
5. unibrennt 278.18 2667
6. gulli_com 238.13 4620
7. betathomecom 193.00 451
8. lomography 191.93 9496
9. datadirt 155.52 50355
10. bre 115.18 9637
11. bensen 102.03 1497
12. twistori 101.63 2687
13. misik 94.37 3551
14. bartelme 93.22 8170
15. Verfuehrung 89.30 1247
16. webstandardat 88.46 1798
17. DominicHeinzl 80.37 1588
18. preisjaeger 78.60 741
19. unsereuni 78.03 759
20. Lokalzeitung 76.85 2597
21. Oberhauser 74.70 60562
22. Kleissner 74.36 766
23. Redbullairrace 73.62 3345
24. martinblumenau 69.77 2515
25. TUbrennt 69.01 732
26. fm4stories 66.70 2671
27. Firma_AT 64.53 258
28. EPOorg 59.43 901
29. Lookcook 58.51 28600
30. JSCarroll 55.41 2491
31. appCraftorg 53.84 1308
32. Touchtalk 52.32 864
33. thomasfuchs 50.26 4776
34. gameswelt 48.14 670
35. DieterBornemann 47.50 1586
36. officialcs 47.02 804
37. gruene_at 46.64 1014
38. chorherr 44.92 1484
39. FKAustriaWien 44.45 506
40. Travelwriticus 44.02 23564
41. peterpur 43.64 953
42. derStandardat 43.27 1348
43. sfreud 42.98 2002
44. iaeaorg 42.93 1444
45. AiGameDev 42.06 1060
46. georgholzer 41.59 2023
47. ChrisJunius 41.41 555
48. corinnamilborn 41.03 1916
49. Attac_Austria 38.60 1845
50. parov_stelar 38.15 781

Ein großes Problem dieser Methode ergibt sich aus den inaktiven Accounts, die hier nicht ausgeschieden wurden. Deswegen gilt es als erstes festzulegen, wann denn ein Account inaktiv ist. Mein zugegebenermaßen relativ willkürlicher Ansatz war, ein Set von Mindestkriterien zusammenzustellen. Inaktiv ist man also wenn nicht alle diese Kriterien erfüllt sind.

  • Mindestens 25 Follower
  • Mindestens 25 Following
  • Mindestens 25 Updates
  • Letztes Update nicht älter als vier Wochen

Daraus ergibt sich folgendes Ranking:

PR Value Follower
1. twidroid 385.34 112549
2. datadirt 41.46 50355
3. lomography 41.14 9496
4. Oberhauser 35.95 60562
5. Vergraemer 33.42 13167
6. bre 27.78 9637
7. bartelme 27.65 8170
8. ArminWolf 25.38 10722
9. gulli_com 18.20 4620
10. thomasfuchs 15.77 4776
11. Travelwriticus 15.61 23564
12. Lookcook 15.21 28600
13. europortal 13.15 26405
14. misik 11.27 3551
15. Metacowboy 11.19 20059
16. MarkusKirchmair 10.94 3285
17. Marko_Gross 10.71 21002
18. JSCarroll 9.10 2491
19. sos4children 8.70 8359
20. amyhoy 8.51 3371
21. martinblumenau 8.23 2515
22. checkfelix 8.10 5662
23. pressefreiheit 8.07 3984
24. twistori 7.91 2687
25. soup_io 7.38 2122
26. unibrennt 7.33 2667
27. georgholzer 7.22 2023
28. liechtenecker 6.95 2375
29. muesli 6.93 1735
30. corinnamilborn 6.93 1916
31. toskana 6.82 18186
32. linzerschnitte 6.76 2311
33. franzku 6.66 12095
34. snapixel 6.26 4109
35. the_maki 6.18 1362
36. phreak20 6.13 2615
37. EdWohlfahrt 6.07 3391
38. Redbullairrace 6.06 3345
39. thomas 5.99 3114
40. fm4stories 5.88 2671
41. Luca 5.84 2094
42. geraldbaeck 5.82 2164
43. mydog 5.79 7346
44. chorherr 5.78 1484
45. johannes_mono 5.65 1637
46. webstandardat 5.61 1798
47. maxreport 5.49 2093
48. idLOOP 5.44 8728
49. DieterBornemann 5.37 1586
50. bensen 5.34 1497

Größtes Problem an dieser Methode ist, dass passive Nutzer, von denen es angeblich relativ viele geben soll, nicht berücksichtigt werden, weil diese eben keine Updates schreiben. Außerdem könnte auch diese Methode exploited werden, wenn auch mit erheblichen Aufwand. Ein guter Vorschlag zur Umgehung dieses Problems kam am Barcamp Klagenfurt. Man könnte doch die Following Anzahl regelmäßig erheben und wenn sich diese ändert, als Zeichen der Aktivität deuten. Meiner Meinung nach ein sehr guter und tauglicher Vorschlag, dessen programmtechnische Umsetzung mich aber noch eine Weile beschäftigen wird.

Beide Varianten zeigen, aber, dass auch hier die User mit hohen Followerzahlen ganz weit vorne sind. Deswegen verfolge ich gedanklich einen ganz neuen Ansatz.

Listen sind die neuen Follower

Das Listen Feature auf twitter wird meiner Meinung nach derzeit unterschätzt. Einerseits weil viele Clients noch keine gute Implementierung vorgenommen haben und andererseits, weil viele Nutzer einfach noch nichts damit anfangen können. Trotzdem denke ich, dass sich 2010 Listen stärker verbreiten werden, weil es langfristig die beste Möglichkeit ist seine Interessen zu organisieren und kategorisieren. Twitter-User, die häufig gelistet werden, scheinen für andere User besonders interessant oder gar kategorisierungswürdig. Das heißt für mich, dass die simple Anzahl der Listungen ein erstes Indiz für die eigene Reichweite wäre, wahrscheinlich aussagekräftiger als die Zahl der Follower. Setzt sich diese Ansicht allerdings druch, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich professionelle Backlistingservices etablieren und ein solches Ranking ad absurdum führen. Deswegen müsste man eben auch die Zahl der Abonennten einer Liste berücksichtigen, was aber wiederum erst Sinn machen würde, wenn die meisten Clients Abos sinnvoll implementiert haben.

Die nächsten Schritte für mein Reichweitenprojekt werden also die bessere identifizierung von inaktiven Users sein und ein taugliches Modell fürs Ranking nach Listen zu erdenken. Unberücksichtigt bliebt bei mir bisher die Anzahl der mentions und Retweets, die ich zwar ebenfalls erhoben habe, aber hier ebenfalls noch eine Interpretationsweise gefunden werden muss.

@DanielKapp und die Jubelperser

von Gerald Bäck am 30.11.09

Seit gut zwei Wochen beehren uns mehrere enge Mitarbeiter der Bundesregierung auf Twitter. Mich persönlich freut das. Vor allem, weil Twitter nicht nur als zusätzlicher Channel genutzt wurde, um die eigenen Botschaften unterzubringen, sondern um zu kommunizieren. Mitunter ging es etwas selbstreferenziell zur Sache, wennn sich der Bürochef von Vizekanzler Josef Pröll @DanielKapp und der Pressesprecher Faymanns @leoszem gegenseitig neckten. Man wusste nie so ganz genau, was ist nun ernst und was halb Scherz. Irgendwann fing dieses gegenseitige selbstreferentielle Imponiergehabe an zu nerven. Alle, die das stört, können sie ganz einfach entfollowen? Mich nerven ganz viele Menschen auf Twitter und dafür gibt es eine ganz einfache Lösung und die heißt unfollow und in extremen Fällen block. Auch Regierungssprecher dürfen Schwachsinn schreiben. Sie müssen nur die Konsequenzen dafür tragen. Insgesamt dürfte sich aber die Stratgie von @DanielKapp und @leoszem gelohnt haben, die Aufmerksamkeit der Twitteria war ihnen sicher.

Heute nahm der Fall eine nicht unbedingt unerwartbare Wendung. Robert Misik, ein Journalist den ich zwar schätze, aber dessen in tiefrote Wolle gefärbten poltitsichen Hintergrund man immer mitbedenken muss, griff also durchaus berechtigt Josef Pröll und seine Politik in seinem Videoblog an. Worauf @DanielKapp mit einem Zitat Broders wiederum @misik kritiserte. Soweit, so langweilig. Aber was folgte dann? Eine künstliche Aufregungskulisse. In den Hauptrollen @DanielKapp, @misik, @muesli und @olobo.

Ein einzelner Tweet war Robert Misik nämlich gleich ein ganzes Blogposting wert. Ein Posting, das übrigens total daneben war, denn natürlich hat auch ein Regierungssprecher das Recht, JournalistInnen zu kritisieren. Kritik an JournalistInnen ist eben genauso Teil der Meinungsfreiheit wie jene an PolitikerInnen. Ein Vergleich mit Putins Medienpolitik ist hier jedenfalls gar nicht angebracht. Es folgt was folgen musste und @DanielKapp lässt sich zu einem Tweet hinreißen, der drei Twitteranten als Jubelperser bezeichnet. Ebenfalls nicht die feine englische Art und ebenso unangebracht wie Misiks unpassender Putin Vergleich. Und genau hier beginnt dann auch das Politikerbashing. Es schalten sich gleich zwei A-Blogger ein, um den vermeintlichen Digital Imigrant @DanielKapp eine Lektion in Sachen virtuelle Umgangsformen zu geben. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht in Sachen künstlicher Empörung.

Was mich an der ganzen Geschichte wundert ist, wie sehr hier doch mit zweierlei Maß gemessen wird. Seit mittlerweile 15 Jahren Foren, Newsgroups und Chats wissen wir, dass eine verschriftlichte Kommunikation sehr oft zu Missverständnissen führt und trotzdem fallen wir alle immer wieder drauf rein. Ironie, Augenzwinkern und Sarkasmus lassen sich eben nur sehr bedingt über Twitter vermitteln. Die vorher kritisierten Hahnenkämpfe von @DanielKapp und @leoszem setzen sich nun in der Jubelperser Debatte nahtlos fort. Aber es ist mehr als ein medienbedingtes Kommunikationsproblem. Es mutet für mich wie ein Revierkampf an. Ein Kampf, in dem die vermeintlichen Platzhirschen ihr eigenes Terroritorium vor Andersdenkenden mit aller Wucht verteidigen und den Eindringling aus der politisch verfeindeten Reichshälfte schon an der Grenze des eigenen Twitterimperiums abweisen müssen. So gesehen konnte @DanielKapp nur Fehler machen.

Politische Parteien haben in Netz bekanntlich ein massives Kommunikationsproblem. Sie sind dort kaum vorhanden und wenn dann nur halbherzig. Sie spielen elend langweilige Youtube Videos online und wundern sich, dass diese unter 100 Views haben. Sie haben Webpages, die auf Alexa weit hinter halbherzig befüllten Blogs ranken. Sie stellen Fotos auf Flickr, die keiner sehen will. Sie betreiben Blogs, die oft plötzlich mit “Morgen wählen gehen” enden. Und sie verschicken nach wie vor Email-Spam an alle, die sich jemals für sie interessiert haben und so dumm waren, eine Email-Adresse rauszugeben. Vor dieser Geschichte voller Misserfolge und Missverständnisse ist es umso erfreulicher, wenn sich MitarbeiterInnen aus den Ministerbüros - also dort wo wirklich Politik gemacht wird - auf  Twitter begeben und ihre Sicht der Welt mit uns teilen. Beißreflexe sind hier unangebracht.

Neu im Verzeichnis twitternder JournalistInnen

von Gerald Bäck am 4.11.09

Die tiwtternden JournalistInnen gibt es jetzt auch als Twitterliste unter:
http://twitter.com/#/list/geraldbaeck/austrian-journalists

Name Ressort Medium TwitterName
Iris Burtscher Vorarlberger Medienhaus @irisbu
Janos Fehérváry chilli.cc @fehervary
Michael Fiala Sport, Tourismus frei @michaelfiala75
Alexandra Föderl-Schmid Politik Der Standard @foederlschmid
Melanie Renner Vorarlberger Medienhaus @fenena
Thomas Rottenberg Gesellschaft, Politik frei @tomrott
Lorenz Seidler Kunst, Netzkultur futurezone @eselat
Hanno Settele Außenpolitik, USA ORF @HannoSettele
Barbara Toth Politik Falter @barbaratoth
Marcus Wadsak Wetter Ö3 @MarcusWadsak

Die vollständige, aktuelle Liste findest Du hier:
http://www.baeck.at/blog/2009/03/12/twitternde-journalisten/#liste