Der Superpraktikanten-Schmäh

von Gerald Bäck am 7.01.10

Anfangs war ich vom Trubel rund um die ÖVP Aktion superpraktikant.at durchaus fasziniert. Trotz einiger Kritikpunkte in Zusammenhang mit der nicht vorhandenen Entlohnung des potenziellen Praktikanten sowie der Weigerung auch nur ansatzweise zu gendern, hielt ich die Kampagne für geschickt konzipiert, da sie für Online Gesprächsstoff ohne Ende sorgte, der schließlich auch seinen Weg in die Mainstream Medien fand. Zusätzlich schien man bei der ÖVP an einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der “Twitteria” bzw. der Blogosphäre interessiert. Leider blieb es dabei nicht lange.

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Erster Sündenfall war ein Inserat im Falter unter einem Artikel der Journalistin Barbara Toth mit deren Foto, als diese noch Bewerberin um die Stelle des Superpraktikanten war. Rechtlich war das einwandfrei, hatten doch alle KandidatInnen den Teilnahmebedingungen zugestimmt, die auch eine werbliche Verwendung des Fotos durch die ÖVP erlaubten. Dabei ist es meiner Meinung nach eine Sache in Medien für Aktion Superpraktikant zu werben oder genau unter dem Artikel einer teilnehmenden Journalistin. Laut ÖVP wollte man sich damit bei Barbara Toth für ihr Engagement in der ersten Phase bedanken. Eine sehr zynische Art Danke zu sagen. Wobei das Inserat auch kein gutes Licht auf den Falter wirft, dem aber wohl in diesem Fall Geld vor Integrität ging.

Das versteckte Foul an Barbara Toth ist aber nur eine Randerscheinung. Besonders interessant und verdächtig ist vielmehr das bisherige Ergebnis des Votings. Nach meiner mittlerweile langjährigen Erfahrung mit Online-Votings braucht man, um ein solches für sich zu entscheiden, zumindest eines von zwei Dingen. Eine wirklich starke Online-Präsenz vorzugsweise mit einer halbwegs mobilisierbaren Community oder eine starke Offline Prominenz. Personen, die nicht über den Zugang zu einer Online Community verfügen haben nämlich immer ein großes Problem bei solchen Votings und das heißt Medienbruch. Der Medienbruch zerstört ziemlich zuverlässig die schönsten Offline Kampagnen, weil die wenigsten den Sprung von der Offline-Kampagne zum Online Medium so einfach schaffen. Deswegen haben es KandidatInnen viel leichter, die Ihre Freunde/Fans online abholen können, weil diese nur den sprichwörtlichen Klick von der Stimmabgabe entfernt sind. Das Ergebnis der ersten Phase entsprach da auch meinen Erfahrungen. Es gewann Martin Habacher, für den online sehr stark kampagnisiert wurde, vor der Falter Journalistin Barbara Toth, die ebenfalls über Twitter kampagniserte und zumindest eine kleine Offline-Prominenz vorweisen kann und Klaus Werner-Lobo für den das gleiche gilt wie für Barbara Toth.

Mit dem Beginn der zweiten Phase war plötzlich alles anders und in der ÖVP amüsierte man sich über das Favoritensterben. Dass plötzlich eine Kandidatin an erster Stelle stand, die Online genau gar nicht präsent ist und auch sonst offline absolut niemand kennt, wundert zumindest außerhalb der ÖVP viele. Meiner Meinung nach ist so ein Coup legal nur sehr schwer zu erreichen und es ist mehr als verdächtig, dass unter den ersten 7 Kandidaten 5 JVP nahe Personen sind. Nachweisbar ist eine solche Manipulation freilich nicht, aber das Ergebnis widerspricht einfach dem logischen Menschenverstand und es sollte klar festgehalten werden, dass der Abstimmungsverlauf mehr als nur dubios ist, noch dazu, wo seitens der ÖVP keine Offenlegung der Abstimmungsdaten erfolgt oder diese durch unabhängige Dritte einsehbar wäre. Die ÖVP verspielt damit wiedermal die Möglichkeit ein wenig weltoffener zu agieren, wenn im Finale ohnehin nur für den Vizekanzler bequeme Personen antreten, riecht das nach einer abgekarteten Aktion zur JVP-Nachwuchspflege. Es gilt die Unschuldsvermutung, es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Ich kann Vizekanzler oder Der Superpraktikant

von Gerald Bäck am 4.11.09

Vor längerer Zeit habe ich über das meiner Meinung nach gelungene ZDF Format “Ich kann Kanzler” geschrieben. Ich finde es positiv, wenn Castingshows einmal nicht nur der nächsten histerionischen Persönlichkeit einen C-Promi Status verschaffen, ausgehungerte Teenager am Laufsteg zeigen, übergewichtige Menschen beim Abnehmen vorführen oder die schwersten Sozialfälle beim Stehlen eines Kinderwagens filmen. Gerade die Politik hätte eine Imagepolitur dringend nötig und mit Castingshows wäre es möglich, dazu vielleicht ein bisschen beizutragen. Damit werden natürlich nur Symptome bekämpft, denn ein Beruf wird nicht attraktiver, nur weil man die Kommunikation darüber verbessert. Ein Irrglaube, dem die Politik leider zu oft unterliegt, so lautet ja der Standardsatz nach verlorenen Wahlen, dass man die Kommunikation verbessern müsse oder das Profil schärfen.

Ich kann Kanzler stand wohl auch Pate bei Josef Prölls Aktion, einen Praktikanten für sich zu casten. Allerdings konzentrierte sich “Ich kann Kanzler” zumindest vordergründig auch auf die Inhalte der Kandidaten.Inhalte scheinen allerdings beim Superpraktikanten keine Rolle zu spielen. Einfach ein Foto oder Video hochladen und online Stimmen sammeln reicht. Der problematischste Punkt scheint mir aber zu sein, wie Politik dort dargestellt wird. Zwei Highlights der Praktikantenwoche sind ein gemeinsamer Besuch des Jägerballs und einer Sportveranstaltung. Da stellt sich schon die Frage, ob man das als Politik verkaufen möchte, oder ob unsere Politiker mittlerweile wirklich der Meinung sind, das sei Politik. Beides ist gleichermaßen furchterregend.Dass dabei der Showfaktor eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte, zeigt auch, dass die erste Ankündigung des Castings nicht in einer Nachrichtensendung oder einem Politikmagazin erfolgte, sondern bei Dominic Heinzl in High Society. Man kann ja von Heinzl und High Society halten, was man will, aber als intellektuelles Format für die politisch interessierte Nachwuchselite ist es mit bisher noch nicht aufgefallen.


Der Superpraktikant auf ATV.at

Ebenfalls problematisch ist der Titel in Verbindung damit, dass der potentielle Superpraktikant kein Gehalt erhalten wird. Die vielzitierte Generation Praktikum scheint also auch schon im Kanzleramt in der Form billiger Arbeitskräfte angekommen zu sein. Dass man sich noch zusätzlich weigert auch nur irgendwie zu gendern und im Werbespot sogar die Kandidatin beharrlich Superpraktikant nennt, ist nur ein Detail am Rande.

Klar war jedenfalls, dass die Aktion das kreative Potenzial von vielen Menschen anregen wird, auch wenn diese nicht unbedingt Fans von Josef Pröll und der ÖVP sind. So ist derzeit die Falter Journalistin Barbara Toth an der Spitze der Praktikanten Charts, dicht gefolgt von Fake-Account Predro Beararro und Atheismus-Freak Niko Alm. Mein persönlicher Favorit ist aber der Wirschaftsflüchtling Thomas R. Koll, allerdings hoffe ich noch auf einen Kandidatur von Klaus Werner-Lobo, der wäre meiner Meiung nach genau der Richtige, um mit Josef Pröll den Jägerball zu besuchen. Letztlich stellt sich die Frage, kann die ÖVP aus der recht intensiven Rezeption via Twitter und Facebook irgendeinen Nutzen ziehen? Meiner Meinung nach schon und zwar dann, wenn man sich jetzt nicht verkrampft zurückzieht und auch die Spaßkandidaten bzw. auch jene, die vielleicht und durchaus zu recht provozieren möchten, im Rennen belässt und mit jenen, die sich mit dem Format Superpraktikant auseinandersetzen, den Dialog aufnimmt.

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