Wer braucht schon Literatur auf Twitter?

von n.baeck am 13.07.10

Jetzt soll hier auf dem BäckBlog mal was Positives und Nettes stehen, da wurde ich gleich als Gastkommentatorin angefragt. Und damit sich gewisse Linien durchzieht, hab ich auch gleich eine “provokante” Frage gestellt, die ich hiermit beantworte: Ich weiß nicht, ob ich es brauche, aber ich mag´s, die Twitterture. Irgendwann im Frühjahr bin ich auf Romeo und Julia der Royal Shakespeare Company hinein gekippt. Ja, sie sind am Ende wirklich gestorben, alle. Nur der Weg dorthin war etwas zeitgemäßer, aber schön. Auch @tiny_tales wird von mir verfolgt. Gleich mal Gratulation an dieser Stelle zum Grimme-Preis.

Und jetzt freu ich mich, dass ich bei einem Twitterature Experiment mit dabei sein kann. Nein, ich schreibe keinen Roman auf Twitter, wir kanibalisieren lieber einen Starautor und nutzen die Aufführung eines bekannten Buches, um die Themen weiter zu denken und die Charaktere mit zusätzlichem Leben zu füllen. Am 16. Juli findet eine Aufführung von Daniel Kehlmanns Ruhm in Reichenau statt, bei der um die 10 Mitglieder der Twitteria dabei sein werden und die anderen ZuschauerInnen mit ihren Smartphones stören werden. Was wir nicht wollen: Die üblichen Tweets von Verantsaltungen abzusondern. Es geht viel mehr darum, die Ideen und Themen des Buches kritisch zu hinterfragen, sie in unserem Alltag miteinzubeziehen und in die Charaktere von Ruhm zu schlüpfen.

Die Idee dazu hatte Kurier-Journalist Gerald Reischl, der den Indentanten der für das Twitterature-Projekt gewinnen konnte. Wir werden voraussichtlich am 15. Juli zu twittern beginnen und sind erkennbar an einem Theatervorhang im Avatar. Freuen uns auf reichlich Diskussionen und RTs!

Planet Bayreuth

von Gerald Bäck am 13.08.09

Ich bin kein Opernfachmann, kein Musikexperte und bei Richard Wagners Œuvre verfüge ich lediglich über Halbwissen. Ich bin nur jemand, der gern in die Oper geht, weil ich die Werke gerne höre. Das Libretto und die Inszenierung ist mir dabei relativ wurscht. Wahrscheinlich ließe sich sonst Rienzi auch nicht aushalten. Aber natürlich ist die Inszenierung Teil der Aufführung und ich freue mich, wenn dort auch mal was neues passiert, als der ewig nervig auf den Schuh dreschende Hans Sachs. Besonders angetan haben es mir übrigens die Opern von Puccini und Wagner, auch wenn das jetzt nicht wirklich zusammen passt. Beschäftigt man sich näher mit Wagner, kommt man natürlich schnell auf Bayreuth und meine Frau und ich hatten heuer die Möglichkeit die Meistersinger in Bayreuth zu sehen. Die Karten ergatterten wir übrigens über sehr verschlungene aber legale Wege, denn über das Festspielbüro scheint das ohne Beziehungen oder langjährigen Abonnement eine Aufgabe zu sein, deren Länge sich in ganzzahligen Dekaden messen lässt.

Es hat uns nicht gefallen. Die Inszenierung, die Tenöre, das Umfeld, die Stimmung und deshalb erlaube ich mir ein paar Behauptungen zu Bayreuth und der Inszenierung der Meistersinger von Katharina Wagner aufzustellen:

Bemühte Inszenierung

Die Handlung fand diesmal nicht im Sängermilieu, sondern im Bereich der bildnerischen Kunst der Gegenwart statt. Schonmal eine sehr brave Analogie. Beckmesser ähnelte im letzten Aufzug verdächtig Daniel Küblböck und der Sieger des Wettbewerbs durfte die ganze Aufführung über Menschen, Wände und Kulissen mit weißer Farbe bemalen. Natürlich durfte auch eine kleine Provokation nicht fehlen und so konnte Beckmesser zwei nackte lebende Skulpturen erschaffen. Die Meistersinger ist wirklich nicht meine Lieblingsoper von Wagner und ich habe schon eine Aufführung in der Volksoper gesehen, da wollte ich Hans Sachs am liebsten seinen Schusterhammer fressen lassen. Insofern bin ich Katharina Wagner für die Inszenierung dankbar, aber mehr als bemüht war sie dann wieder auch nicht. Alles wirkte so aufgelegt, wie den Überlegungen eines postpubertären Maturanten entnommen.

Vorhersehbares Publikum

Ebenso wie die Inszenierung bemüht war, reagierte das Publikum vorhersehbar. Bayreuth ist wahrscheinlich die letzte Bühne in Mitteleuropa, wo das zeigen nackter Haut noch Buhrufe und andere diverse Unmutsäußerungen hervorruft. Während der überaus schwache Tenor, der den Hans Sachs sang, mit heftigsten Applaus bedacht wurde, hatte das Publikum für Katharina Wagner nur Schmähungen übrig. Einerseits erfrischend, wenn sich jemand noch so aufregen kann in unserer zynischen Welt, andererseits eine sehr strukturkonservative Willensäußerung. Mich erinnert das Bayreuther Publikum dabei ein bisschen an renitente Star Wars oder Harry Potter Fans, die auch bei der nur geringsten Abweichung vom Original zeter und Mordio schreien. Dabei wäre es gerade am Operngenre wichtig, etwas neues zu wagen.

Folklore statt Kultur

Umfeld, Gastronomie und Hotellerie erinnerten mich irgendwie an schlechte Messeunterkünfte. Mein Fazit aus Bayreuth ist, dass es sich dabei eher um eine gesellschaftlich folkloristische als um eine kulturelle Veranstaltung handelt. Wichtig dabei sind nicht nur die üblichen Faktoren wie Status und Repräsentation, die ja auch bei einem Besuch der Staatsoper eine Rolle spielen, sondern die mantrahaftige Huldigung Richard Wagner, freilich ohne sich intensiver mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Was bleibt von Bayreuth ist Wagnerfolklore.

Michael Fleischhacker beim Observer Cercle

von Gerald Bäck am 27.04.09

Vor langer Zeit war ich ein eingefleischter Standard-Leser.  Unter der Woche war der Standard neben dem Profil mein unumstrittenes Leitmedium. Das Profil habe ich schon vor gefühlten Jahrzehnten durch den Spiegel ersetzt, weil mir die Geschichten darin schlicht und einfach zu beliebig und zu harmlos waren. Seit dem nackten Vranitzky am Cover war da nichts mehr,  oder? Der Standard hielt sich länger, vor allem wegen seiner letzten Seite. Doch dann kam Michael Fleischhacker und bemerkte, dass sich bei den Qualitätsmedien etwas ändern müsse und schuf eine “Neue” Presse, die auch meinem durchs Internet geänderten Lesegewohnheiten Rechnung trug. Ich gewöhnte mich nicht sofort daran, aber irgendwann hatte Die Presse schleichend den Standard abgelöst, den lese ich mittlerweile nur noch am Wochenende, Die Presse täglich.

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