Politik der Paranoia

von Gerald Bäck am 9.05.09

Die Beschäftigung mit Robert Misik gehört ja quasi schon zur Tradition dieses Blogs. Aus diesem Grund besuchte ich letzte Woche eine Diskussionsveranstaltung über das Buch mit Misik persönlich, Christian Ortner und Marie Ringler am Podium. Die Diskussion wurde Corinna Milborn moderiert. Die gesamte Diskussion drehte sich nur am Rande um Misiks Buch, sondern vielmehr um die Wirtschaftskrise, wobei sich Ortner und Misik erwartungsgemäß matchten. Bevor ich mich näher zu Misiks Buch äußere, muss ich an dieser Stelle Abbitte bei Marie Ringler leisten. Sie war nämlich mit Abstand die Gescheiteste und Vernünftigste am Podium. Vor langer Zeit habe ich Marie Ringler in einem Standard Posting (wo sonst?-) als Spittelbergtussi bezeichnet. Der Beitrag wurde vom der Standard-Redaktion gar nicht erst online geschalten, es tut mir aber heute trotzdem leid. Liebe Marie, bitte verzeih mir meine jugendliche Ignoranz.

Eine Kritik zu einem Buch von Robert Misik zu verfassen, ist für einen Amateurblogger ganz schön riskant. Schließlich handelt es sich bei Robert Misik um einen Titanen des österreichischen Journalismus, dem ich natürlich weder journalistisch noch philosophisch auch nur ansatzweise gewachsen wäre. Es könnte also passieren, dass ich am Ende ziemlich verarscht werde, so wie Christian Moser bei seiner Rezension. Aber das wäre dann nicht das erste mal!-)

Auf den ersten Blick wirkt Robert Misiks Werk  logisch. Es ist wirklich sonderbar einerseits für die volle Härte des Marktes einzutreten und sich andererseits über die zunehmende Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft zu beschweren. Oder sich über einen vermeintlichen Werteverfall unserer Gesellschaft zu mokieren und auf der anderen Seite von Zuwanderern zu verlangen, die Werte unserer Gesellschaft, die es angeblich nicht mehr gibt, zu akzeptieren. Die Liste der Inkonsequenzen innerhalb der Konservativen Phrasen ließe sich noch länger fortsetzen. Die Frage ist nur, ob solche Inkonsequenzen quasi in dem von Misik geschaffenen Begriff des Neokonservativismus systemimmanent sind, oder nicht. Ich denke nicht. Inkonsequente Politik ist meistens das Resultat von Abhängigkeiten sprich Klientelpolitik. Klientelpolitik führt dazu, dass sich zum Beispiel die Wirtschaftskammer für die Abschottung des Fotografengewerbes und damit gegen den freien Markt einsetzt, dass sich die ÖVP für die Lehrergewerkschaft stark macht, dass die SPÖ plötzlich EU-kritisch agiert, dass die Grünen sich in Graz plötzlich Videoüberwachung vorstellen können und dass Kommunisten immer noch einen skurrilen Diktator in Kuba verehren. Klientelpolitik ist als kein Neokonservatives Novum, sondern gibt in allen Lagern und Parteien. Misik  möchte mit seinen Beispielen  verdeutlichen, dass die Konservativen, sich in Worten und Taten widersprechen und damit hat er auch recht, nur ist das eben keine Eigenschaft von Konservativen, sondern von Politikern aller Richtungen.

“Barack Obama ist ein talentierter Politiker mit lupenreinen progressiven Überzeugungen, der linksliberale Haltungen auch noch in einer Sprache zu formulieren gelernt hat, ….. Aber er allein wird die Welt nicht ändern. Auch er muss sich auf enge Mitarbeiter stützen, die vom Geist der marktradikalen Epoche infiziert und geprägt sind.” (Seite 15)

Einmal abgesehen davon, dass Misik Obama anscheinend für eine unfehlbaren Messias hält, ist Obama ist also ein Linker, der nicht darf, weil er so böse marktgläubige Berater hat. Misik bemüht gerne das Klischee vom armen linken Hascherl, das sich gegen die reaktionären Marktmenschen nicht wehren kann. Wie man anschließend weiter lesen kann:

“Auch er kann scheitern, er kann den konservativen Zeitströmungen, die ihren Geist längst nicht ausgehaucht haben, erliegen – so wie das bei Bill Clinton der Fall war, bei Tony Blair, bei der rot-grünen Regierung in Deutschland.”

Also mir war ja neu, dass die Herren Blair, Schröder und Fischer eine andere Agenda verfolgten als die der Stärkung der eigenen Egos. Misik subsumiert alles Gute unter dem Überbegriff links und alles schlechte verpackt er unter dem Überbegriff Neokonservativ. Oder würde ernsthaft jemand Barack Obama als linksliberal bezeichnen, ich denke nicht?  Glaubt man diese Begrifflichkeit, hat Misik natürlich recht, aber sinnvoll ist so etwas nur, wenn man selbst ein subjektives ideologisches Ziel verfolgt, wie man nicht unschwer an seinen jüngsten Eat the Rich Predigten sehen konnte.

Schließlich geht es um den Begriff den Neokonservativismus. Misik führt als Beleg, warum es sich bei den Neokons um ganz üble Spießgesellen handelt, allerlei skurrile Beispiele an, die jeder von uns kennt und kein vernünftiger Mensch gut heißen würde, aber die Verbindung dieser skurrilen Persönlichkeiten und Aktionen zu quasi einer neokonservativen Internationalen ist falsch. Konservative in den USA haben mit Konservativen in Österreich ungefähr genauso viel zu tun wie die SPÖ mit der Regierung Nordkoreas.

Politik der Paranioa ist ein toll zu lesendes Buch, wie immer wenn Robert Misik etwas schreibt. Man kann sich dabei amüsieren und herrlich aufregen, beides für mich wichtige Eigenschaften für ein politisches Buch. Es ist eine umfassende Abrechnung mit einer politischen Denkrichting, die es in dieser Form nur in der Vorstellung Misiks gibt, und bleibt letztlich zu undifferenziert und viele Antworten schuldig.

Buchkritik: Corporate Blogs von Klaus Eck

von n.baeck am 16.02.09

corporGuter Einstieg für Nochnichtblogger und PR-Profis.

Viele Kommunikationsprofis, die in und für Unternehmen arbeiten, stehen noch immer vor der Frage: Web 2.0. und Blogs sind wichtig für eine integrierte Kommunikation, aber wie kann ich das in die Unternehmenskommunikation professionell einbauen? Kann ich Entscheidungsträger jenseits der 30 überhaupt erreichen? Und macht es überhaupt Sinn, wenn ich nicht gerade ein cooles neues Produkt einführe oder für den IT-Bereich arbeite? Nach der Lektüre des Buches Corporate Blogs von Klaus Eck hat man zumindest eine Grundahnung, was machbar ist und was nicht. Wenn man von den üblichen Phrasen und Statistiken am Beginn des Buches absieht, unterscheidet sich Corporate Blogs vom Großteil der PR-Fachliteratur insofern, dass die Beispiele und Tipps in der täglichen Arbeit wirklich weiterhelfen können – inklusive der von vielen sehr geliebten Checklisten. Für die PR-Praktiker wirklich interessant sind vor allem die zwei Kernthemen von Eck: Erstens, wie kann ein Unternehmen oder Institution mit Bloggern umgehen. Es handelt sich bei Bloggern ja um nichts anderes als neue Stakeholder, die mit ihren ganz spezifischen Interessen und Medienverhalten ernst genommen werden müssen. Zweitens, wie muss ein erfolgreiches Corporate Blog ausschauen, was kann ein Unternehmen wirklich damit erreichen? Ein Mitarbeiter-Blog, Kampagnen-Blog, Customer Service Blog oder gar einen CEO-Blog sind technisch schnell eingerichtet, aber es er gelten bestimmte Regeln, um diese erfolgreich zu machen. Vor allem gilt in der Blogosphäre eine Nettiquette, deren Verletzung nach hinten los gehen kann. Aber auch da hat Eck gleich den richtigen Tipp: Wie kann ich einen Blog für die Krisen PR nutzen.

Für echte Blogger bringt es nichts wirklich Neues, für Kommunikationsprofis ist es ein guter Einstieg in die Möglichkeiten des Web 2.0. Auf jeden Fall macht das Buch eindeutig und anschaulich Schluss mit dem Vorurteil, dass Bloggen nicht wirklich businessrelevant und nur ein Spaß von ein paar engagierten Privatpersonen ist. Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei Klaus Ecks PR- und Marketing-Blog unter www.pr-blogger.de empfohlen. Ein wichtiger Punkt: Klaus Eck hat wirklich Ahnung und vor allem Erfahrung; man nimmt ihm ab, was er sagt.

INFORMATIONEN ZUM BUCH:

Titel: Corporate Blogs
Autor: Klaus Eck

Verlag: Orell Füssli (Februar 2007)
ISBN-10: 328005222X
ISBN-13: 978-3280052228

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Boboville – Eine Enttäuschung

von Gerald Bäck am 27.10.08

Bei mir war alles auf Begeisterung, auf Buch des Jahres ausgelegt. Andrea Maria Dusl hat schon vor einiger Zeit ein neues Buch herausgebracht und ich hab’s erst jetzt gelesen.

Als eifrigerer Verehrer Ihrer Kolumnen im Falter habe ich mir diesmal eben besonders viel erwartet, auch wegen des Themas. Ich selbst habe mich zwar lange Zeit geweigert, ein Bobo zu sein bzw. mich als solcher bezeichnen zu lassen, aber irgendwann musste ich doch bemerken, dass ich zumindest eine Mischung aus Bobo und Nerd bin. Ok, für einen Nerd zu wenig geekig und für einen Bobo zu konservativ, aber eben doch eh auch schon.

Aber zurück zum Buch, es geht dort zu allererst nicht um Bobos oder Boboville, sondern um Dusl selbst. Und genau da beginnt das Problem. Dusl ist 47 also 11 Jahre älter als ich und damit betreffen mich ihre Kindheitserinnerungen – darum geht’s zu einem guten Teil im Buch – kaum. Bonbongeschäfte, Klavierunterricht, Nougatleberknödel, rohrstaberlschwingende Klosterschwestern etc. das alles kenne ich nicht. Das wäre noch nicht so schlimm, wenn es denn interessant geschrieben wäre.Ich kenne ja schließlich auch die Welt Thomas Bernhards kaum und trotzdem finde ich seine Literatur fesselnd. Apropos Thomas Bernhard, Dusl selbst beschreibt ihren Stil als eine Mischung zwischen Thomas Bernhard und Pippi Langstrumpf, ich konnte dabei sehr viel von Pippi und wenig von Thomas finden. Durchs ganze Buch zieht sich kindlicher Kurzsatzstil – wobei Dusl ein besonders großer Fan des  Partizip Präsens sein dürfte – mit durchaus phantasievollen Wortschöfpungen wie Masupilamischwanz, Zitronengrasschmalz oder Schlechtehaartagfrisur, der aber letztlich genau einen Absatz lang nicht nervt. Im Buch kommt natürlich die ganze Bobo-Prominenz vor: Kehlmann,
Glavinitsch, Supermutti Knecht und die ganze Falter-Redaktion,
Phreak2.0, Platzgummer und was weiß ich noch wer. Es bleibt aber beim intensiven, öden Namedropping.

Ich hab mich trotzdem durchgebissen in der Hoffnung ein paar Schmankerl zu ergattern und die gibt es auch zum Beisiel wenn Dusl über SMS und das reaktionäre Element des T9-Systems schreibt oder die Problematik mit dem Gutmenschensein messerscharf analysiert. Letztlich gehen diese aber nie über kolumnenlänge hinaus und werden nahtlos in Langeweile übergeführt. Ich hatte die ganze Zeit den Eindruck, das Buch wäre noch nicht fertig, es erscheint zu überhudelt, zu kindlich, zu platt. Vielleicht kommt ja mal eine zweite Auflage.

Links:
News zu Boboville
Dusl Interview mit der Presse
http://derstandard.at/?url=/?id=1224776298927
http://leselustfrust.blogg.de/eintrag.php?id=231

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