Wir Freizeit-Blogger

von Gerald Bäck am 11.12.10

Viele Blogger scheinen ja nicht unbedingt den Bestseller zu lesen. Zugegebenermaßen gehöre ich auch nicht wirklich dazu. Diesmal erschien dort ein Artikel zum klassischen Blogger versus Journalisten Thema. Soweit, so abgedroschen. Interessant ist allerdings, dass es bei solchen Artikeln dann doch immer einen Journalisten/Chefredakteur gibt, der das Thema noch vom 90er Jahre Standpunkt aus betrachtet. Diesmal war es ausnahmsweise nicht Armin Thurnher, der übrigens auch genügend ignoranten Blödsinn über Wikileaks in seinem aktuellen Leitartikel geschrieben hat, der auch eines Rants würdig wäre. Aber es gibt wichtigeres als die Frustration eines alternden Chefredakteurs würdig zu behandeln. Thurnherr hat zumindest erkannt hat, dass es nicht er oder sein Medium sein wird, das den Mediamil Komplex zerstören wird, es wird das Internet sein.

Aber zurück zu Christian Rainer, der erhellt uns im Bestseller mit folgender revolutionärer Erkenntnis:

“Blogger, die nicht Journalisten sind, sind keine Journalisten. So einfach ist das.”

Ah ja. Jetzt wissen wir also, wie messerscharf Herr Rainer hier eine Grenze zieht, ich verneige mich ehrfürchtig vor so viel geballter analytischer Macht. Aber Herr Rainer hat noch mehr bahnbrechendes zu sagen:

Denn sie hätten weder die Ausbildung noch die Erfahrung und auch keine Ahnung von den ethischen Benchmarks, die für professionelle Journalisten gelten.

Apropos ethische Benchmarks, da kann man jede Menge dazu auf Kobuk nachlesen. Oder meint Herr Rainer damit den Benchmark der hierzulande übliche Verquickung von Anzeigengeschäft und Redaktion? Aber es wird noch besser:

So gesehen würden die nichtjournalistischen Blogger auch keine Gefahr für Medien darstellen: “Freizeitblogger könnten zur Konkurrenz für Hansi Hinterseer werden, denn sie konkurrieren um Freizeit.” Journalistische Blogger, insbesondere profil-Journalisten, wären hingegen ein Rückrad für profil online.

Tja, Herr Rainer. Leider haben Sie gar nichts verstanden. Blogs gibt es nämlich auch unter anderem deswegen, weil uns alle diese arrogante Haltung extrem nervt. Gerade das ehemalige Nachrichtenmagazin (frei nach fefe) profil beweißt, wie schlecht es mittlerweile um unabhängige und kritische Berichterstattung in Österreich bestellt ist. Übrigens gibts bei profil meines Wissens keinen einzigen Blogger keine einzige Bloggerin, ein paar Texte online stellen, reicht da nämlich noch lang nicht aus. Wer’s nicht glaubt kann gern einen Blick auf die gesammelten Spam Kommentare im Profil Blog hier werfen. Immerhin es könnte ja auch gar niemand dort kommentieren!-)

Die Lehren aus Wikileaks / Cablegate

von Gerald Bäck am 4.12.10

Die Vertreter der Nomenklatura haben es derzeit schwer. Zu bestaunen waren sie zum Beispiel in der Form von Albert Rohan und Ursula Plassnik im Club2. Gerade im Bereich der Diplomatie gibt es jede Menge Herrschaftswissen und Codes, die jetzt unter anderem von Wikileaks entschlüsselt und veröffentlicht werden. Plassnik, Rohin aber auch Klenk waren im Club2 die Verteidiger des Status Quo – ihres Herrschaftswissens quasi. Da ist der Ruf nach einer Kontrolle der Kontrolleure bei Wikileaks ausgesprochen hahnebüchen, denn auch Klenk wird durch niemanden kontrolliert und nimmt sich sogar das Recht heraus, seine Informationen zu filtern. Im Gegensatz dazu veröffentlicht Wikileaks immer die gesammten Dokumente ganz ohne eigene Interpretation und Filter. Seis drum, auch die Bierkutscher konnten sich langfristig nicht halten und so wird es auch den Bewahrern der alten verschlossenen Welt gehen. Mir geht es um etwas anderes, nämlich die Frage, wie kann man Wikileaks verbessern bzw. die Idee vorantreiben?

Wikileaks muss sich von Assange emanzipieren

Schon eine komische Sache, dass jemand, der der USA massiv ans Bein pinkelt, plötzlich einen internationalen Haftbefehl ausgesetzt wird, aber solche Zufälle soll es geben. Sie sind ungefähr genauso wahrscheinlich, wie dass ein Staatsanwalt vergisst gegen einen ehemaligen Minister zu ermitteln. Herr Assange sollte sich aber tatsächlich Sorgen machen. Abgesehen von diesen durchaus dubiosen Vorgängen, die seit Guantanamo aber niemanden mehr wundern sollten, ist es notwendig für Wikileaks, sich von seinem durchaus verdienten Gründer zu emanzipieren und zu beweisen, dass es sich dabei um keine One-Man-Show handelt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist aber gering, weil Assange sich von kritischen Mitstreitern getrennt hat, die jetzt ein eigenes Projekt aufziehen werden. Eh nicht schlecht, sollte Wikileaks untergehen, gibt es wengstens gleich was Neues.

Es braucht ein dezentrales DNS

DNS, TCP/IP und das ganze Netzwerkzeug ist echt nicht mein Ding, aber spätestens seit der DNS Provider die Wikileaks.org Domain gekappt hat, wurde wieder aufgezeigt, was ohnehin klar war. Unser gesamtes DNS System hängt von den USA ab. Das ist weder im Sinne eines dezentrales Netzes, das auch dann noch funktionieren sollte, wenn wesentliche Teile ausfallen, noch im Sinne der Europäischen Union. Keine Ahnung, wie man sowas umsetzen könnte, aber hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Es braucht ein einfaches torrent ähnliches System für Wikileaks

Warum funktioniert das torrent System so gut? Weil es keine Zentrale gibt und sich deswegen die Musik- und Filmindustrie daran die Zähne ausbeißt. Sie können zwar jeden einzelnen Seeder klagen, aber bekommen dadurch noch lange nicht die Werke aus dem Netz. Wikileaks ist ein wenig wie Napster. Es hält die Daten zentral und ist dadurch leichter angreifbar. Es werden zwar auch jetzt schon die Wikileaks Dokumente auch als torrents angeboten, aber dabei geht es nur um die bereits veröffentlichten. In einem idealen System sollten bereits die geuploadeten Dokumente verschlüsselt in einer Art torrent System aufgespielt und an alle Teilnehmer verteilt werden.

Es braucht alternative Zahlungsforme zu Mastercard, VISA und Paypal

Andere Zahlungsformen gibt es zu Hauf, aber keine ist so bequem wie die drei. Leider stehen alle drei unter US-Einfluss und Paypal hat bereits den Zahlungsfluss für Wikileaks gekappt. Auch hier sollte die Europäische Union Alternativen fördern, um die Abhängigkeit zu beenden.

Es braucht ein Austrialeaks, Germanyleaks, EUleaks etc…

Berechtigterweise handelt Wikileaks derzeit nur die großen Fälle ab, kleinere Dinge, die in der Summe aber wahrscheinlich mehr Einfluss hätten, bleiben auf der Strecke. Ich selbst kenne Leute, die z.B. durchaus interessante Vorabberichte aus dem Rechnunghof an Wikileaks übermittelt haben und dort aber nicht veröffentlicht wurden. Deswegen brauchen wir ein Austrialeaks, wo Whistleblower schnell und einfach Dokumente übermitteln können. Ich denke das wäre ein interessantes Projekt fürs CreateCamp.

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