Stirb, Twitterwall, stirb!

In meiner mittlerweile doch recht regen Konferenz- und Barcampaktivität habe ich bisher noch nie eine Twitterwalleinbindung erlebt, die für die Veranstaltung irgendetwas Sinnvolles gebracht hätte. Egal, ob auf der re:publica, einem Barcamp oder gestern am Word Blogging Forum, sobald eine Twitterwall im Spiel ist, kriegen sich die versammelten Kommunikationsprofis nicht mehr ein und ätzen, was das Zeug hält. Zotendruck Ob berechtigt oder unberechtigt, wichtig ist die Zote, der Lacher, um auch endlich mal den großen Mann auf der Twitterwall markieren und seine 15 Sekunden Ruhm einheimsen zu können. Manche davon können ja wirklich durchaus charmant und witzig sein, aber für die Veranstaltung bringt das nur selten etwas. Meistens schaukelt sich die Stimmung allerdings auf und dann wird auch schon mal darüber gelästert, ob der Referent denn schwitze und/oder lisple. Und schließlich finden sich dann 100%ig jene, die behaupten, die Twitterwall würde zensuriert werden, als ob die Veranstalter nicht besseres zu tun hätten als jeden Tweet zu moderieren, selbst wenn, sollte man sich fragen, warum gerade die obigen unterirdischen Tweets durchgehen. Keine Chance für die Vortragenden Für die Vortragenden sind Twitterwalls abgesehen von diesen Schlägen unter die Gürtellinie ebenfalls kaum sinnvoll einzubinden. Als Vortragender muss man sich vor allem auf seinen Vortrag (sic!) und das anwesende Publikum konzentrieren. Man verlangt also schlicht unmögliches Multitasking. Letztlich gibt es auch technisch keine Rechtfertigung für eine Twitterwal mehr. Jeder Teilnehmer an einer solchen Konferenz hat mindestens ein Device zur Verfügung, wo er den Twitterstream zur Veranstaltung jederzeit und nach eigenen Vorlieben mitverfolgen kann. Freilich entfällt dann die Möglichkeit, den eigenen Namen aufs Podium zu schummeln und vielleicht sogar für einen kollektiven Lacher zu sorgen. Wenn wir alle von der Möglichkeit sprechen, dass Social Media wegen seines Rückkanals besonders wichtig für den Dialog sei, dann kann bestimmt nicht die Twitterwall gemeint sein. Denn dieser Rückkanal ist vergiftet. Twitterwalls treten den Vortragenden von hinten in den Allerwärtesten und erwarten sich dann ein freundliches Danke. Twitterwalls sind immer mehr wie der Depp, der beim Klassenfoto Eselsohren macht. Ich will auf einer Veranstaltung zu allererst zuhören, was die Vortragenden zu sagen haben und anschließend nach Möglichkeit thematisch und vielleicht auch emotional diskutieren, aber ich will nicht einer Reihe von Reserve-Kabarettisten auf der Suche nach dem nächsten schlechten Witz ausgesetzt sein.

Published:November 14 2010

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