Eventtipp: Wolfgang Lorenz Gedenkpreis

von Gerald Bäck am 26.11.10

2008 machte sich der erfolgreiche ORF-Direktor – immerhin wurde er weder abgesetzt, noch musste er zurücktreten – Wolfgang Lorenz, bekannt für seine epischen Beiträge zur Hochkultur wie zum Beispiel “Mitten im 8ten“, auf, den Wert der Medien und deren Nutzung ins richtige Licht zu rücken und ein für alle mal klar zu stellen, wo das Internet seiner Meinung nach hingehört.

An dieser Stelle ein Zitat aus Sebastian Bauers Blog, der bei Lorenzs historischer Rede anwesend war:

Bis auf einmal Prof. Wolfgang Lorenz, der Programmdirektor Fernsehen des ORF, von einem „scheiß Internet“ zu reden beginnt. Hat er das gerade wirklich gesagt, „scheiß Internet“? Er hat! Und wird nicht müde es zu wiederholen, er redet sich geradezu in Ekstase. Die Jugend von heute sei nicht in der Lage sich richtig zu artikulieren. Außer in Postings im Internet. Und ihm sei es „scheißegal“, was wir in diesem Internet machen würden.

Auf heftigen Widerspruch aus dem Publikum und die Feststellung, dass man im Internet interessantere Angebote finden würde als sie der ORF biete, folgte der Sager des Abends. „Es ist mir scheißegal, ob Sie zuschauen oder nicht.“ Wortwörtlich hat er es so gesagt, der Programmdirektor des ORF.

Um diese Aussagen entsprechend zu würdigen, wird heuer schon zum zweiten Mal der Wolfgang Lorenz Gedenkpreis vergeben, um jene zu würdigen, die ganz im Sinne des ORF-Direktors werken. Im unermüdlichen Einsatz für die Internetfreiheit richtet monochrom mit Host Johannes Grenzfurthner die Veranstaltung aus. Nominiert sind folgende Personen:

  • Nominierung von Mathias Döpfner, weil er der Gratiskultur endlich einmal den Garaus macht und die Verlegerlandschaft und vor allem vorneweg seinem Medienhaus Axel Springer AG endlich wieder finanziellen Boden verschafft. Damit zeigt er der Medienindustrie den Weg aus der Krise, so wahr die Bild-Zeitung ein Qualitätsblatt ist.
  • Nominierung von Josef Ostermayer, stellvertretend für die österreichische Bundesregierung. Diese hat das neue ORF-Gesetz beschlossen, das nicht nur eine Beleidigung für alle GebührenzahlerInnen ist, sondern auch ein Kniefall vor dem VÖZ. Um den Verlegern entgegenzukommen, wurde die Futurezone abgedreht. Die Futurezone stellte ein – wenn nicht das – wesentliche Online-Angebot des ORF dar, das den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllte und abseits von jeder Anbiederung an Moden, Trends oder politische Interessen eine neutrale, eloquente und genau recherchierte Berichterstattung in Sachen Netzpolitik und Technologie zur Diskussion stellte.
  • Nominierung von Stephanie zu Guttenberg für ihre Verdienste um die Wegbereitung von Netzsperren und Onlineüberwachung. In Ihrem Kampf gegen Kinderschänder und für Netzsperren scheinen auch drastische Mittel gerechtfertigt. Da geht es schon mal, dass ein Quotensender in Medienpartnerschaft mit der Bild-Zeitung Lockfallen im Internet aufstellt, und den Rechtsstaat mal außen vor läßt.
  • Matthias Horx ist nominiert für seine Verdienste auf dem Gebiet der Zukunftsfehlprognosen. Zuletzt für seine Aussage, ‘Soziale Netze’ seien nur etwas für soziale Verlierer, die sich gerne gegenseitig die Unterhose zeigen. ‘Nuff said.
  • Nominierung von Frank Schirrmacher, vielkopierter Beschwörer des Kampfes zwischen Mensch und Algorithmus, Apple-Fanboy mit Hirnforschungshobby (“Multitasking ist Körperverletzung”). Es war aber auch wirklich schon Zeit.
  • Nominierung der Firma Kleiderbauer in der Kategorie “Unverhältnismäßigkeit der Mittel”, stellvertretend für all die Abmahn- und Klagsfetischisten, die den Unterschied zwischen KleinstbloggerInnen und Medienkonzernen entweder nicht wahrnehmen oder bewusst negieren. Da sollte man meinen, seit der Vorjahresnominierung von Jako und Jack Wolfskin hätte ein Lernprozess stattgefunden. Aber schneckn. Kritiker durch Einschüchterung mundtot machen, ist Dank Kleiderbauer & Co. salonfähig; Privatpersonen mit Prozesskosten niederknüppeln bleibt auch diese Saison modern.
  • Nominierung für Bernhard Heinzlmaier. Heinzlmeiers Einzelmeinung, die der Meinungsforscher nach dem Bilde Schirrmachers schuf, übersieht eine wichtige Tatsache: Facebook fragmentiert nicht nur, es provoziert, es schwitzt geradezu Hochkultur: überall rinnt sie heraus, und keiner bewahrt sie, die Hochkultur. Aber man steigt nie rein, kriegt nie nasse Füße, wenn man lauter dämliche “Freunde” hat. Dieses Dilemma muss aber irgendwie abgedichtet werden, bevor Buridans Esel auch noch ertrinkt. Bringen Sie Ihre Rohrzangen mit.
  • Die Telekommunikationsanwendung namens Internet hatte der ehemalige ORF-Online-Prophet Franz Manola fest im Griff, manche behaupten sogar, er habe sie erfunden. Nun wird das Internet ja bekanntlicherweise leider weltweit zunehmend unwichtiger und da sah sich Franz Manola schweren Herzens gezwungen auf “HD-Prophet” umzusatteln (böse Zungen behaupten, das hätte etwas mit einem Karrierewechsel zu tun, aber was die Leute auf Facebook so sagen, ist ja nur Blödsinn). Wir gratulieren Franz Manola zu seinem weitsichtigen Gespür für die Erfordernisse der Realität. Als echter Österreicher sitzt man bekanntlicherweise ja ohnehin lieber vor dem Fernseher als am Information-Superhighway und dank Franz Manola kann man sich dort vom österreichischen Super-Duper-Qualitäts-HD-TV in Farbe und bunt berieseln lassen.

Ich habe übrigens die Ehre, heute Abend die Nominierungsrede für Matthias Horx halten zu dürfen. Mir persönlich ein besonderes Anliegen ist doch der Terminus Zukunftsforscher ein Oxymoron. Abgesehen davon find ich Unterhosen zeigen ganz toll!-))

Wer also heute noch nichts besseres vor hat und jene ehren will, die unermüdlich gegen den Untergang unserer Kutltur kämpfen, sollte heute um 20 Uhr im Figurentheater Lilarium vorbei schauen. Details gibt es auch hier in diesem Facebook Event. Krieg ich jetzt meine Schokobanane?

Stirb, Twitterwall, stirb!

von Gerald Bäck am 14.11.10

In meiner mittlerweile doch recht regen Konferenz- und Barcampaktivität habe ich bisher noch nie eine Twitterwalleinbindung erlebt, die für die Veranstaltung irgendetwas Sinnvolles gebracht hätte. Egal, ob auf der re:publica, einem Barcamp oder gestern am Word Blogging Forum, sobald eine Twitterwall im Spiel ist, kriegen sich die versammelten Kommunikationsprofis nicht mehr ein und ätzen, was das Zeug hält.

Zotendruck

Ob berechtigt oder unberechtigt, wichtig ist die Zote, der Lacher, um auch endlich mal den großen Mann auf der Twitterwall markieren und seine 15 Sekunden Ruhm einheimsen zu können. Manche davon können ja wirklich durchaus charmant und witzig sein, aber für die Veranstaltung bringt das nur selten etwas. Meistens schaukelt sich die Stimmung allerdings auf und dann wird auch schon mal darüber gelästert, ob der Referent denn schwitze und/oder lisple. Und schließlich finden sich dann 100%ig jene, die behaupten, die Twitterwall würde zensuriert werden, als ob die Veranstalter nicht besseres zu tun hätten als jeden Tweet zu moderieren, selbst wenn, sollte man sich fragen, warum gerade die obigen unterirdischen Tweets durchgehen.

Keine Chance für die Vortragenden

Für die Vortragenden sind Twitterwalls abgesehen von diesen Schlägen unter die Gürtellinie ebenfalls kaum sinnvoll einzubinden. Als Vortragender muss man sich vor allem auf seinen Vortrag (sic!) und das anwesende Publikum konzentrieren. Man verlangt also schlicht unmögliches Multitasking.

Letztlich gibt es auch technisch keine Rechtfertigung für eine Twitterwal mehr. Jeder Teilnehmer an einer solchen Konferenz hat mindestens ein Device zur Verfügung, wo er den Twitterstream zur Veranstaltung jederzeit und nach eigenen Vorlieben mitverfolgen kann. Freilich entfällt dann die Möglichkeit, den eigenen Namen aufs Podium zu schummeln und vielleicht sogar für einen kollektiven Lacher zu sorgen.

Wenn wir alle von der Möglichkeit sprechen, dass Social Media wegen seines Rückkanals besonders wichtig für den Dialog sei, dann kann bestimmt nicht die Twitterwall gemeint sein. Denn dieser Rückkanal ist vergiftet. Twitterwalls treten den Vortragenden von hinten in den Allerwärtesten und erwarten sich dann ein freundliches Danke. Twitterwalls sind immer mehr wie der Depp, der beim Klassenfoto Eselsohren macht.

Ich will auf einer Veranstaltung zu allererst zuhören, was die Vortragenden zu sagen haben und anschließend nach Möglichkeit thematisch und vielleicht auch emotional diskutieren, aber ich will nicht einer Reihe von Reserve-Kabarettisten auf der Suche nach dem nächsten schlechten Witz ausgesetzt sein.

Was soll kommen, wenn rot/grün kommt

von Gerald Bäck am 10.11.10

Vor ein paar Wochen war ich bei der Grünen Wirtschaft zu einer Diskussion über die Grünen am Podium eingeladen, die vor allem dem Fokus darauf hatte, was die Wiener Grünen in Zukunft verbessern/verändern müssen. Mit am Podium waren Hans Rauscher, Volker Plass und der einzig verbliebene grüne Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger. Nicht immer ist es mir gelungen, meine Argumente auf den Punkt zu bringen, und es konnte sich schon allein deshalb keine gute Diskussion entfalten, weil Hans Rauscher mehr auf Pointen als auf Diskurs aus war. Fürs Podium vorgesehen wäre übrigens Christoph Chorherr gewesen, der sich mit dem ungünstigen Zeitpunkt entschuldigte. Für eine Partei ist allerdings so ziemlich jeder Zeitpunkt schlecht, um über die eigenen Fehler und das Verbesserungspotenzial zu sprechen.

Ich bin es aber auch leid auf den kapitalen Fehlern der Grünen immer wieder herumzureiten, zu mal dort ohnehin kein Veränderungswille besteht. Die Wiener Grünen haben sich entschieden, ihren Weg als klassische Partei zu gehen und das ist auch zu akzeptieren und für mich nur mehr in der Wahlzelle zu beurteilen. Und nachdem ich diesmal nicht (mehr) Grüne gewählt habe, steht mir eine weitere Beurteilung der internen Meinungsfindung auch nicht mehr so ganz zu.

Deswegen möchte ich mich diesmal dem Thema widmen, was ich mir konkret von Rot-Grün in Wien erwarte bzw. erhoffe.

Etablierung einer Fehlerkultur

Daran fehlt es in der österreichischen Politik ganz besonders. Ich erwarte mit von Rot-Grün, das dort – wie überall auch – Fehler gemacht und diese zur gemeinsamen, öffentlichen Überlegung genutzt werden, was beim nächsten mal verbessert werden kann. Eintrittswahrscheinlichkeit: 0%

Mehr Demokratie

Das komische Wahlrecht, das starke Parteien bevorzugt, muss geändert werden, aber zusätzlich sollte endlich ein Vorzugsstimmenwahlrecht geschaffen werden, das diesen Namen auch verdient. Das heißt, eine Reihung erfolgt einfach nach der Menge der Vorzugsstimmen und aus. Eintrittswahrscheinlichkeit: 30%

Weniger Auto

Wien ist, wie alle anderen europäischen Städte auch, eine Autostadt. Autos beherrschen das Stadtbild, zwingen uns auf Gehsteige, Fahrradwege und sogar unter die Erde. Das wird sich auch mit Rot-Grün nicht fundamental ändern, sollte sich aber zumindest partiell verbessern und vor allem die Selbstverständlichkeit beseitigen, mit der heute das Auto als integraler Bestandteil einer städtischen Identität behandelt wird. Eintrittswahrscheinlichkeit: 40%

Mehr Menschenrechte

Es scheint als wäre bei der ÖVP Hopfen und Malz verloren. Dort zementiert mach sich auf einen Justament Standpunkt ein und argumentiert weiter für eine Schubhaft von Kindern und die Abschiebung von Babies. Umso wichtiger ist, dass so etwas zumindest in Wien kompromisslos verunmöglicht wird. Eintrittswahrscheinlichkeit: 70%

Mehr Integration

Die SPÖ hat eine Gewaltaufgabe vor sich: Die Rückeroberung des Gemeindebaus. Erste gute Ansätze gab es schon vor der Wahl, die aber wahrscheinlich zu spät kamen. Wichtig ist jetzt, das Thema Integration und Migration offen und offensiv anzugehen, ohne in einfache Angstmache zu verfallen. Eintrittswahrscheinlichkeit: 60%

Keine Angstmache

Und bitte aufhören mit diesem Schmafu vom subjektiven Sicherheitsgefühl und der Forderung nach mehr Polizei. Das können wir getrost dem burgenländischen Landeshauptmann überlassen. Eintrittswahrscheinlichkeit: 0%

Weniger Föderalismus

Obskure Verländerung kann doch getrost beim Onkel des Vizekanzler als Domäne bleiben. Von Wien erwarte ich mir eine kluge Stadtpolitik und keine Machtkämpfe um Lehrerposten und Kompentenzen, die dann ohnehin niemand wahrnimmt.  Übrigens sollten auch die Bezirksvertetungen in dieser Form abgeschafft werden, ganz einfach weil es diese Bezirksabindungen durch die WählerInnen ohnehin immer weniger gibt. Wäre doch mal was ein Gremium, das sich vernünftigerweise selbst abschafft. Eintrittswahrscheinlichkeit: 1%

Konkrete Projekte

Rot-Grün muss auch sichtbar und greifbar werden. Das heißt es müssen konkrete Projekte ausgearbeitet und vorgestellt werden. Aber da mache ich mir die wenigsten Sorgen.

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