Warum’s hier keinen flattr Button gibt
Ich stehe den Projekt flattr eigentlich positiv gegenüber, weil ich es für einen ersten Gegenentwurf zur Kulturflatrate halte. Die Kulturflatrate hat nämlich mehrere Probleme. Das größte, dass es eigentlich eine Besteuerung von Breitband-Internetzugängen ist. Und gerade das wollen wir ja nicht, sondern Ziel sollte es, dass möglichst viele Menschen möglichst günstig online gehen können. Einmal abgesehen von den Kosten bringt die Kulturflatrate noch zwei weitere Übel mit sich. Entweder fördert man damit eine Datenspeicherung durch den Staat an der George Orwell seine Freude hätte, oder die Flatrate wird nach einem Schlüssel verteilt, den die Verwertungsgesellschaften willkürlich festlegen, wie das bei der Leerkassettenvergütung schon der Fall ist. Zweiteres führt dazu, dass arrivierte Künstler noch mehr abcashen, erster führt nicht nur zu einer umfassenden Überwachung unseres Online-Lebens, sondern auch zu massiven Umsatzzuwächsen für die Pornoindustrie.
Also dann doch flattr. flattr ist also eine Art Micropayment, das voraussetzt, dass jeder der durch flattr kassieren möchte auch selbst Geld verteilt. Das heißt, möchte ich auf meinem Blog einen flattr Button einbinden, muss ich mir zuerst einen Account besorgen und dort Geld einzahlen und auch ab und zu andere flattr Buttons anklicken und monatlich mindestens 2 Euro einzahlen.
Die große Umverteilung?
Letztlich führt das dann aber im besten Fall dazu, dass sich eben BloggerInnen gegenseitig anklicken und ähnliche Einnahmen wie Ausgaben haben. Ähnlich einem Freundeskreis im Wirthaus, wo jeder mal eine Runde zahlt. Im schlechtesten Fall - und die Tendenzen zeigen in diese Richtung - führt es zu einer Umverteilung nach oben. Das heißt kleine Blogs generieren relativ wenig Umsatz und finanzieren aber mit ihrer Masse die großen Blogs mit. So konnte die taz im Juni circa 1000 Euro mit flattr erlösen währen die meisten BloggerInnen unter 10 Euro blieben. Letztlich fördert also flattr den Mainstream bzw die großen Anbieter. Schon allein dadurch, dass es nicht möglich ist weniger als 2 Euro monatlich für flattr auszugeben, wenn man den Button auf dem eigenen Blog funktional halten maöchte, führt zu diesem Effekt.
Was wird geflattred?
Ähnlich wie beim Facebook Like Button stellt sich auch die Frage, was denn eigentlich geflattred wird. Obwohl ich den Begriff Geistiges Eigentum ablehne, stellt sich die Frage, mit wessen Content denn da nun Geld verdient wird? Zum Beispiel kann man bei webtermine.at jeden einzelnen Termin flattren. Was wiederum die Frage aufwirft, ob damit die zweifellos vorhandene Leistung des webtermine.at Teams gemeint ist oder doch die Veranstaltung an sich. Die gleiche Frage, wenn auch nicht so krass, stellt sich auch bei News und Kommentaren.
Schließlich führt flattr auch so nebenbei zu flattr optimierten Artikeln, die möglichst viele flattres generieren sollen. Wie die taz in ihrem Blog schreibt, wurden vor allem Artikel gegen Nazis, Adel, Bild und Bundesregierung geflattred, die Qualität der Artikel war also weniger relevant als die Tendenz. Prinzipiell ist da auch nichts dabei, wenn das dazu führt, dass jemand Artikel schreibt, um möglichst hohe flattr Umsätze zu machen, ich möchte mich jedoch hier gar nicht in die Versuchung eines quotenoptimierten Schreibens geben.
Zahlen für Artikel? Will ich sowas?
Für mich lautet die Antwort Nein. Die Währung mit der in diesem Blog bezahlt wird, ist Aufmerksamkeit in der Form von Visits, Kommentaren und Backlinks und das reicht mir. Ich wollte damit nie irgendwas verdienen und die Kosten fürs Bloggen halten sich mit rund 5 Euro monatlich doch irgendwie in Grenzen. Ich glaube auch generell nicht daran, dass man in Österreich mit Bloggen ausreichend Geld auf direktem Weg verdienen könnte, auch wenn ich allen, die das versuchen die Daumen drücke.
Ich halte also flattr für ein spannendes Projekt, das aber auf Grund der Verteilungsproblematik nicht zu Ende gedacht wurde. Vielleicht wäre ja Kachingle eine Alternative, allerdings werden dort für meinen Geschmack zu viele persönliche Daten veröffentlicht, aber dazu ein andermal mehr.

digiom (Jana Herwig)
11.07.10 , 08:07
Schön zusammengefasst - mit flattr hab ich mich noch nicht genau auseinander gesetzt, es reichte mir, dass ich einen fixen Betrag im Monat zahlen muss, um mich vom aktivieren erstmal abzuhalten. Und die Tatsache, dass eben die großen verdienen, die anderen vielleicht ein paar Briefmarken so dazu verdienen würden, macht flattr ja weniger zum Gegenmodell, als das es allgemein gilt.
Wichtig finde ich den von dir angesprochenen Punkt ‘was wird eigentlich geflatter?’ Und da scheint flattr ja ein Belohnungsverhalten zu fördern, das auch dem Like-Button entspricht und was letztlich also wieder nur die Konsolidierung von Gesinnungsgruppen fördert. We flattr what we like, und zwar was uns vorher schon gefallen hat. Fördert dann nicht unbedingt das Eröffnen neuer kritischer Perspektiven, sondern Kuschelschreibe.
Roland
11.07.10 , 09:07
Feiner Post! Für mich ist eines der gewichtigsten Kriterien, woran ich meinen “Zweifel” an flattr & Co festmache, die inzestiöse Umverteilung von Geld innerhalb einer überschaubaren Gruppe an/von Bloggern. Man gibt ein paar Euro aus, nimmt ein paar Euro ein und fühlt sich großartig, weil spendabel. Hierbei gibt es jedoch aus meiner Sicht nur extrem wenige Gewinner - und die sind sehr wahrscheinlich am allerwenigsten Blogger selbst, sondern in erster Instanz der Micropayment Provider und daneben einige wenige (Mainstream) Portale.
Gleich dahinter rankt Euer beider Argument, dass eine flattr- bzw. like-Button-optimierte Schreibe wohl unausweichliche Konsequenz wird. Wenn schon nicht bei allen, so doch bei einem Gutteil der Blogger. Das Blogging als Form der Publikation individueller - und teils kontroversieller - Eigenmeinung abseits kommerzieller Medienangebote könnte (nicht muss) wesentliche Charakterzüge einbüßen.
Bereits jetzt wird oftmals aus SEO-Gründen zu bestimmten Themen auf bestimmte Weise gebloggt und entsprechend präsentiert. Dies könnte durch flattr durchaus noch verstärkt werden.
Das fände ich insgesamt sehr schade!
fgbxl
11.07.10 , 10:07
“Letztlich führt das dann aber im besten Fall dazu, dass sich eben BloggerInnen gegenseitig anklicken und ähnliche Einnahmen wie Ausgaben haben”
Das ist doch Unsinn, im besten Fall gibt es jede Menschen wie mich, die kein Content produzieren (also auch kein Kuchen wollen), aber einen Kuchen verteilen wollen.
Rechenbeispiel: Es gibt für jeden Blogger 10 “Konsumenten”, die 2 € einbezahlen, dann bekommen die Blogger im Schnitt 2*10 - 2 = 18 €/Monat.
Klar ist das nicht viel, aber bei 100 Usern und 10 € sinds schon 998€…
Wobei das eher ein Problem sein dürfte. Für die meisten nicht-Blogger dürfte schon die Einstiegshürde zu groß sein.
Tom Schaffer
11.07.10 , 13:07
meine antwort wurde zu lang, drum habe ich sie ausgelagert http://zurpolitik.com/2010/07/11/falsche-vorurteile-uber-flattr/ lg tom
Ritchie
11.07.10 , 17:07
Gerald, du hast mit allem, was du schreibst, völlig recht. Ich hab mir zwar auch aus Interesse einen Beta-Account geholt, aber live ist FlattR aus dem gleichen Grund nicht, aus dem’s auch keinen “Donate via Paypal” Button auf datenschmutz gibt: mir ist das zu sehr virtuelles Äquivalent für den guten alten Hut (in dem übrigens immer schon ein paar Münzen drinnen liegen müssen, damit’s klappt). Mein Blog bleibt ebenfalls weiterhin schnorrfreie Zone.
linzerschnitte
11.07.10 , 21:07
Wie meinte C.P. Scott einst so schön: “comment is free, but facts are sacred”:)
Robert
11.07.10 , 23:07
Guter Punkt Gerald. War die letzten Tage zu sehr mit neuen Features beschäftigt, dass mir diese Implikationen des Flattr-Buttons nicht aufgefallen sind
Hab deinen Blogbeitrag daher gleich zum Anlass genommen, unsere Flattr & Google-Adsense-Einbindung zu überarbeiten. Details hier.
Urs Stähelin
14.07.10 , 08:07
Ich habe mich auch mit Flattr beschäftigt, aber als ich das hier gelesen hab, dass es nicht einmal möglich ist, in Deutsch mit denen zu kommunizieren, da hab ich gedacht, es steht ein grosses Fragezeichen hinter Flattr. Immerhin sind die meisten Kunden deutschsprachig. Das spricht nicht gerade für Kompetenz und Kreativität der hinter Flattr stehenden Finanzierungsfirma.
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EDIT durch g.baeck: gleichlautende Kommentare in verschiedenen Blogs erhalten sicher keinen Backlink
truth
14.07.10 , 19:07
sobald der punkt überschritten ist, dass es mehr flattr-user als stammtisch-blogger gibt (also bald), wird sich das ganze auch für kleine blogs rentieren. und ganz ehrlich, die taz hats verdient. niemand würde rtl2 flattrn.
grüße und überleg dir das mit flattr nochmal. vielleicht einen button für die gesamte seite zu schalten - das verhindert ja dann wohl, durch die unspezifität sehr gut, dass man in versuchung kommt, nur für die flattrs zu schreiben.
Martin Schimak
27.07.10 , 13:07
Manual Trackback: http://martin.schimak.at/2010/07/smarter-ways-to-flattr-your-readers/
(Ich selbst werde übrigens nie “für flattr” schreiben, genausowenig wie für den “Like” Button. Auch wenn ich meine, dass letzterer viel mehr die “Konsolidierung von Gesinnungsgruppen” fördert als das anonyme Flattern… Umkehrschluss: stolz kann sein, wer mehr geflattert als geliked wird?!)
Steve
14.08.10 , 15:08
An Deinem Artikel finde ich gut, dass Du flattr per se nicht verteufelst.
Was jedoch Deine Ansicht betrifft, so teile ich diese nicht. Ich persönlich finde Werbebanner und diese contentabhängigen Google-Anzeigen viel nerviger, wie so einen kleinen Flattr-Button.
Es wird doch auch kein Leser genötigt zu flattrn - wer es möchte tut es, wer nicht eben nicht. Je grösser die Flattr-Community wird, so so interessanter wird der Dienst werden. Das befürchtete hin und her zwischen Bloggern untereinander ist aus meiner Sicht ein Phänomen der Anfangszeit, da Blogger nunmal sehr oft Early-Adopters sind und neue Trends gern als erstes ausprobieren. Viele Leser wollen - auch mit Kleinstbeträgen - einfach danke für einen guten Artikel sagen. Ob das Danke letztendlich für den Inhalt ist oder nur weil es gegen oder für etwas ist ist nicht verwerflich. Immerhin kann jeder User/Leser selbst entscheiden was er wie tut.
Und was das schreiben FÜR Flattr betrifft: diese These lese ich immer wieder, halte sie jedoch für vollkommenen Quatsch. Jeder der schreibt hat ein Ziel. Selbst Bloggern ohne Flattr kann man unterstellen, dass sie möglichst viel Traffic haben wollen und somit potenziell viele Klicks auf Werbebanner, Anzeigen etc. Die “Gefahr” ist immer da, aber langfristig wird sich so eine Einstellung nicht durchsetzen und die Leser werden entsprechend reagieren.