Hans Dichand – Tod eines ewig Überschätzten

von Gerald Bäck am 17.06.10

Heute ist also Hans Dichand verstorben. Neben dem Respekt für sein wirtschaftliches Lebenswerk kann man leider letztlich nicht viel Gutes über den Herausgeber der Kronen Zeitung sagen, der wie kein anderer die österreichische Politik in Atem hielt. Werner Faymann verliert mit Hans Dichand seinen Kommunikationspartner, keine Presseaussendung, kein Interview, kein Fernsehauftritt und auch kein Inserat ging unter Faymann aus dem Bundeskanzleramt, ohne nicht vorher die Auswirkungen auf Dichands Gemütslage abzuwägen.

Faymanns Politik bildete den Spitze des Eisbergs an Überschätzung durch die Politik, die Hans Dichand entgegen gebracht wurde. Dichands Kampagnen endeten oft im Misserfolg zum Beispiel beim Volksbegehren gegen den Bau des Kraftwerks Hainburg, bei der Kampagne gegen die Ratifizierung des Lissabon-Vertrags, bei der jüngsten Kampagne gegen Heinz Fischer und bei seiner größten Niederlage gegen die Einsetzung von Schwarz/Blau im Jahr 2000. So unerfolgreich diese Kampagnen bei der Bevölkerung waren, so nachhaltig haben die sie österreichische Politik eingeschüchtert und beeinflusst. So ist die SPÖ heute zur europaskeptischen Partei geworden, freilich ohne dafür die erhofften Liebkosungen durch Cato bei der EU-Wahl zu erhalten, und die ÖVP versucht ebenfalls die Stimmungen der Muthgasse zu erahnen und vorauseilend zu berücksichtigen. Man ist immer nur so mächtig, wie es die anderen zulassen. So gesehen war Hans Dichand sehr mächtig, vor allem weil er immer überschätzt wurde.

Für die österreichische Medienlandschaft muss das nicht unbedingt etwas Gutes bedeuten, wohl aber für die Politik. Einzig Werner Faymann fehlt nun der Onkel, den die Fellners wohl nie ersetzen werden können.  Die WAZ wollte schon länger raus aus der Mediaprint und wird die Chance wohl nützen und spätestens dann schlägt Christian Konrads größte Stunde als neuer Eigentümer der Krone. Von der Politik wird auch dann wieder nichts zu erwarten sein, das konnte man gerade heute gut beim Beschluss des neuen ORF-Gesetzes sehen, wo auf Wunsch der Zeitungsherausgeber die ORF Futurezone gekillt wurde und wieder ein Stückchen Medienvielfalt zu Grabe getragen wurde.

Wenn bild.de und diepresse.com Äpel mit Birnen vergleichen

von Gerald Bäck am 14.06.10

Ich staunte nicht schlecht, als ich auf atmedia eine ziemlich schlechte Replik auf einen Artikel auf bild.de las. atmedia zitierte nämlich bild, denn bild hätte angeblich entdeckt, dass in Österreich nur 20.000 Personen Twitter nutzen, während in Deutschland 1,8 Millionen auf Twitter wären. Das konnte wiederum atmedia nicht auf sich sitzen lassen und warf seinerseits den Deutschen bzw. Bild die niedrigere Facebook Nutzung vor und stellte generell die Sinnhaftigkeit von Twitter in Frage. Auf die Idee, vielleicht einmal die Zahlen zu prüfen kam man bei atmedia nicht.

Jedem halbwegs begabten Journalisten hätte klar sein müssen, dass mit diesen Zahlen etwas nicht stimmen kann bzw. dass es dafür andere Gründe geben müsste als die von atmedia angeführten Gründe, wie das ÖsterreicherInnen lieber wirklich tratschen statt virtuell zu zwitschern (Vorsicht echte/richtige versus virtuelle/falsche Kommunikation!-). Bild selbst hatte lediglich einen Artikel aus diepresse.com übernommen. diepresse.com zitiert wiederum aus einer Studie von Axel Maireder, freilich ohne ihn selbst zu erwähnen oder gar zu verlinken. Die Ermittlung der Zahl 20.000 ist übrigens nur ein Zitat in Axel Maireders Studie und stammt aus einem Interview, dass ich Georg Holzer von Digirati gegeben habe, mittlerweile sind es tatsächlich 25.000 User in Österreich, was man auch sehr leicht recherchieren hätte können. Die Presse geht aber noch weiter und stellt den irgendwie korrekten 20.000 Österreichern 1,8 Millionen Deutsche auf Twitter gegenüber, ohne dabei eine Quelle zu nennen oder die Zahl irgendwie anders zu belegen. Die 1,8 Millionen stammen übrigens aus einer Studie von Nielsen, die wiederum auf Wikipedia Erwähnung findet, die die Unique Visits aus Deutschland für die Seite Twitter.com im Juni 2009 ausgewertet hatte. Das Problem dabei ist, dass Unique Visits rein gar nichts mit der Zahl der registrierten Accounts zu zu tun haben, sondern lediglich Auskunft über den Traffic auf Twitter. com geben. Der Vergleich zwischen angelegten Accounts und den gezählten Besuchen der Website ist ungefähr so, wie die Leserzahlen der Mediaanalyse mit den bezahlten Jahresabos einer Zeitung zu vergleichen.

Rekapitulieren wir also wie die guten alten Medien arbeiten:

diepresse.com vergleicht die Zahl der Accounts in Österreich mit den Unique Visits in Deutschland

bild.de übernimmt die Story und macht daraus eine “Ösis mögen keine Tweets” Story

atmedia fühlt sich in seiner österreichischen Ehre gekränkt und übernimmt die Zahlen ebenfalls ungeprüft

Ich schätze, dass im Laufe der Woche wahrscheinlich noch mehrere Online-Medien auf diesen Zug aufspringen werden. Dabei wäre das alles mit circa fünf Minuten Recherche ganz leicht aufzudecken gewesen. Recherche, die wir Meerschweinchen angeblich nicht machen und wofür es klassische Medien so dringend braucht!-)

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