#unibrennt positive Bilanz, unrühmliches Ende
Heute morgen wurde das Audimax der Uni Wien wegen angeblicher Sicherheitsprobleme in Zusammenhang mit Obdachlosen und Drogenkonsum geräumt. Von außen lässt sich nur schwer beurteilen, was davon stimmt, aber dass vor allem Obdachlose das Audimax zum Nächtigen nutzten wird auch von den #unibrennt VertreterInnen nicht bestritten.
Die Luft war schon länger draußen und man war drauf und dran alle Sympathien zu verspielen. Meiner Meinung nach entwickelte sich sehr schnell aus einer spontanen berechtigten Bewegung eine konservative Struktur, die auf einer erst vor kurzen etablierten Tradition beruhte. Man beharrte einfach auf einer Besetzung des Audimax ganz ohne Exit Strategie und ohne auch nur mittelfristig erfüllbare Forderungen. In der Öffentlichkeit war der Swing zur Ablehnung der Audimax-Besetzung bereits in vollen Gang. So gesehen hat das Rektorat der Bewegung durchaus einen Gefallen erwiesen. Verwunderlich dabei ist lediglich wie schnell sich der Wechsel von einer jungen innovativen Bewegung zu einer bewahrenden, konservativen Struktur vollzog.
Problematisch war vor allem, dass es keine greifbaren Forderungen gab. Fast gewann man den Eindruck #unibrennt wollte alle Probleme dieser Welt zu seinen eigenen machen und bis zur endgültigen Lösung den Hörsaal besetzt halten. Das war jugendlich, naiv und auch sympathisch, vergab sich aber alle Chancen auf einen würdigen Abschluss der Aktion. Die BesetzerInnen hätten einfach auf Niko Alm hören und eine letzte große Party schmeißen sollen. Zusätzlich hatte man sich mit der kooperativen Aufnahme der Obdachlosen einer Sache angenommen, die nicht die eigene war. Zugegeben brachten die Obdachlosen #unibrennt in eine sehr schwierige Situation. Denn als Besetzer ein Hausrecht auszuüben, wäre schwierig gewesen. Dadurch entstand eine Lose/Lose Situation für die BesetzerInnen. Dass bei der Räumung 80 Obdachlose und 15 BesetzerInnen anwesend waren, sagt aber letztlich viel aus.
Mein Fazit der 61 Tage #unibrennt ist trotzdem positiv. Sieht man vom unrühmlichen Ende ab, wurde viel erreicht. #unibrennt gilt schon jetzt als erste große politische Bewegung abseits von Parteistrukturen getragen durch neue Kommunikationsmittel. Inhaltlich wird #unibrennt langfristig eine Wende zu höheren Bildungsausgaben auslösen und zu einem wiederstarkten politischen Bewusstsein unter den StudentInnen führen.
Auf die österreichische Politik wirft das Ende von #unibrennt wie immer kein besonders gutes Licht. Genauso wie im Fall Zogaj wurde die Sache einfach ausgesessen. Die 27 Millionen aus einer Ministerreserve, die ohnehin für die Unis vorgesehen waren, sind angesichts der Milliarden für kriminelle Banken und sektierende Bundesländer mehr als nur ein Hohn. Die Politik ist jedenfalls langfristig der große Verlierer auch wenn Minister Hahn diesmal die Besetzung ausgesessen hat, wird ähnliches wieder und wieder auf unsere Politiker zukommen und irgendwann wird Aussitzen und ein dummes Lächeln für Onkel Hans nicht mehr genügen.

pezik
21.12.09 , 11:12
stimme dir großteils zu – nur muss man beachten, dass sich die bewegung nur deshalb zunehmend in eine andere richtung bewegt hat, weil dem großteil der vernünftigen kräfte nach und nach die luft ausging. nicht ohne grund natürlich.
insofern seh ich in dieser räumungs-aktion – auch wenn ich sie nicht gutheiße, das war für mich ein schritt in die falsche richtung – durchaus die chance, dass sich der protest wieder ein wenig in die “richtige” richtung re-organisiert.
und was die angabe mit “80 obdachlosen und 15 studenten” betrifft, bezweifle ich das stark. die medienberichterstattung war die letzten wochen in unibrennt-angelegenheiten mehr als tendenziös und fragwürdig.
Gerald Bäck
21.12.09 , 11:12
Ich zweifle auch an solchen Angaben, allerdings wurde die Zahl auf FM4 von einem anwesenden Studenten bestätigt, deswegen habe ich es übernommen. Unbestritten dürfte jedenfalls sein, dass es mehr Obdachlose als StudentInnen waren.
fatmike182
21.12.09 , 11:12
Grundsätzlich stimme ich deinem Posting zu: alles was weiters passiert wäre, wäre vermutlich von den Oberen so oder so ausgesessen worden wie bisher.
In einem Punkt geb ich dir aber nicht recht: Froderungen/Exit Strategie.
Es wurden von 14. – 16. als Antwort auf das Angebotsmail vom Winckler (http://unsereuni.at/?p=11896) diesbezüglich ein Mini-Forderungskatalog ausgearbeitet, der in weiterer Folge am 16. durchs Plenum abgesegnet hätte werden sollen http://unsereuni.at/wiki/index.php/Unser_Angebot
Kernpunkte von diesem waren:
- Lösung der Obdachlosenproblematik (bewusst darauf hingewiesen, dass das kein Rektoratsressort ist, aber das Rektorat sicherlich mehr Macht hat als die Studenten)
- endlich Stellungnahme zum Forderungenkatalog incl Angabe wann/ob welcher Punkt umgesetzt werden kann
Wäre das erledigt worden, wäre eine Freigabe seitens der Studenten von täglich 8:00 – 17:00 eingetreten.
Aufgrund der Spontandemo konnte das Plenum zu diesem Beschluss leider nicht stattfinden; wäre heute 19h nachgeholt worden. Auch, wenn das nicht durchs Plenum abgesegnet wurde, es wurde medial kolportiert – von Standard (print) bis orf.at.
linzerschnitte
21.12.09 , 12:12
@fatmike “lösung der obdachlosenproblematik” – ob das jetzt rektoratsressort ist, oder nicht – ist eine sehr naive Forderung . Es gibt genug Schlafplätze in Wien, die auch oft Nicht-Wiener aufnehmen (unter der Hand) – nur muss man da realtiv früh einchecken und darf keinen Alkohol bei sich haben – und keine Drogen. Das sind Regeln die einen guten Grund haben. Und die man eben im Audimax schön umgehen konnte. Mit dieser Forderung haben sich die Studenten nicht nur von ihren eigentlichen anliegen entfernt, sondern es geschafft, dass man sie nicht mehr ernst nimmt.
@gerald das verhältnis Obdachlosen/Studenten kommt schon hin – unseren Infos nach war die Zahl der Studenten noch um ein drittel niedriger.
socialhack
21.12.09 , 13:12
ich find deinen Blogpost zu plakativ. Die negative Innensicht der Bewegung, die du darstellst, ist genauso vereinheitlichend wie deine Vorwürfe.
Die Bewegung IST divers und es gibt in ihr durchaus kämpfe zwischen Fundis und Realos, wie wir sie aus jeder nonkonformen Bewegung kennen.
Die Obdachlosen wurden nicht angezogen von den BesetzerInnen, sondern von der Heizung! Das Problem bei -16°C nirgendwo sonst hin gehen zu können, ist sehr real und auch wenn es nicht Grundanliegen der Bewegung ist, gehört es zur simplen Menschlichkeit diese Leute nicht abzuweisen.
Das Resúme teile ich mit dir, es wird von #unibrennt noch Auswüchse geben die weitaus länger dauern werden als man einen Raum überhaupt besetzt halten kann.
Gerald Bäck
21.12.09 , 13:12
@socialhack Das mit der Heizung stimmt leider nur zum Teil. Denn es gäbe genügend Schlafplätze, die allerdings mit sehr strengen Regeln verbunden sind. So ist dort Alkohol strikt verboten. Ein solches Verbot konnte man eben sehr einfach im Audimax umgehen
fatmike182
21.12.09 , 21:12
Bzgl Obdachloser wirkt das aber anders http://unsereuni.tv/questions/774
Georg H. Jeitler
21.12.09 , 21:12
Danke Gerald für diese wahren Worte.
Wir haben uns alle schiefgelacht, als ein Freund von mir die Forderungs-Meldung aus der APA zirkuliert hat. Ich glaube auch, dass diese Meldung die Räumung veranlasst hat, weil man da auf der politischen Ebene in allen Büros gemerkt haben wird, dass aus dem Audimax nichts ernstzunehmendes mehr kommen wird. Die Sache war unglaublich naiv, intolerant gegenüber Grundrechten, die man in der Bewegung mehr als strapaziert hat (Besetzung & Demonstrationsrecht vs. Brauneder-Verbotswunsch & Art. 17 Staatsgrundgesetz). Einer auf unserem Mailverteiler hat gemeint: Menschenrechte für schwule Krokodile haben sie noch vergessen. Am Ende war man jetzt wirklich in diesem Eck. (Ihr wisst wie ich das meine, ja?)
#unibrennt ist wirklich schon einige Meter hinter dem Punkt gewesen, an dem die Sache nur noch lächerlich war, aber wenigstens noch vor dem Punkt, an dem das für die Öffentlichkeit wirklich klar geworden ist. Und es ist wirklich im Sinne aller gut so, dass die Sache nun so geendet hat .
Wie an anderer Stelle oft gesagt, ich habe die Besetzung in einem gewissen Rahmen als im Grunde zu respektierende Maßnahme gefunden, wenn ich sie auch aus den weltanschaulich einseitigen Gründen und vor allem den schon früh auftretenden faschistoiden Zügen nicht unterstützen wollte.
Trotzdem bin ich froh und auch stolz, dass #unibrennt eine österreichische Bewegung ist (war) und bin dankbar, dass ich das selbst mit erleben durfte, dort sein und mir ein Bild davon machen konnte. Ein kleines Stück Zeitgeschichte, und mein persönlicher Punkt des Wechsels zur Informations-Echtzeitgesellschaft.
Was wir aus #unibrennt einerseits wieder mal lernen konnten ist, dass nichts mächtiger ist als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Aber andererseits auch, dass jede auch noch so echte, dezentrale “2.0 Struktur” zu den typischen Mustern tendiert, inklusive totalitärer Züge, Funktionärsgehabe/Vereinsmeierei etc – selbst wenn es alle lieb, nett, tolerant, weltoffen und gut meinen. Aber so ist der Mensch eben.
tobi
22.12.09 , 11:12
In Graz ist meine Begeisterung für die politische Partizipation ziemlich schnell in Ernüchterung umgeschlagen, als ich gesehen habe, dass anfangs das Ganze in Ideologie-Spielchen umzukippen drohte. Mit Wien habe ich nichts am Hut, die Besetzung des Audimax’ habe ich nur übers Internet verfolgen können.
Das, was ich bewundernswert finde und wasa auch viele Menschen erwähnen ist, dass sie Menschen zusammen getan haben um mitzubestimmen und zwar ausserhalb der Parteistrukturen. Die Forderungen haben mir nicht immer gefallen, aber die Idee mitzumachen anstatt sich alles gefallen zu lassen ist etwas, was wirklich nötig wurde.
Die Räumung – gut, sie ist nicht optimal. Ich frage mich aber immer noch ob 60 Tage notwendig gewesen wären oder es nicht besser gewesen wäre nach 21 Tagen zu gehen. Und zu sagen: Wir können das und sollte sich nichts ändern kommen wir wieder.
sigi
27.12.09 , 21:12
“am 12.21.09″
lustiges Datumsformat