BäckBlog

Ich kann Vizekanzler oder Der Superpraktikant

von Gerald Bäck am 04.11.09, unter Politik

Vor längerer Zeit habe ich über das meiner Meinung nach gelungene ZDF Format “Ich kann Kanzler” geschrieben. Ich finde es positiv, wenn Castingshows einmal nicht nur der nächsten histerionischen Persönlichkeit einen C-Promi Status verschaffen, ausgehungerte Teenager am Laufsteg zeigen, übergewichtige Menschen beim Abnehmen vorführen oder die schwersten Sozialfälle beim Stehlen eines Kinderwagens filmen. Gerade die Politik hätte eine Imagepolitur dringend nötig und mit Castingshows wäre es möglich, dazu vielleicht ein bisschen beizutragen. Damit werden natürlich nur Symptome bekämpft, denn ein Beruf wird nicht attraktiver, nur weil man die Kommunikation darüber verbessert. Ein Irrglaube, dem die Politik leider zu oft unterliegt, so lautet ja der Standardsatz nach verlorenen Wahlen, dass man die Kommunikation verbessern müsse oder das Profil schärfen.

Ich kann Kanzler stand wohl auch Pate bei Josef Prölls Aktion, einen Praktikanten für sich zu casten. Allerdings konzentrierte sich “Ich kann Kanzler” zumindest vordergründig auch auf die Inhalte der Kandidaten.Inhalte scheinen allerdings beim Superpraktikanten keine Rolle zu spielen. Einfach ein Foto oder Video hochladen und online Stimmen sammeln reicht. Der problematischste Punkt scheint mir aber zu sein, wie Politik dort dargestellt wird. Zwei Highlights der Praktikantenwoche sind ein gemeinsamer Besuch des Jägerballs und einer Sportveranstaltung. Da stellt sich schon die Frage, ob man das als Politik verkaufen möchte, oder ob unsere Politiker mittlerweile wirklich der Meinung sind, das sei Politik. Beides ist gleichermaßen furchterregend.Dass dabei der Showfaktor eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte, zeigt auch, dass die erste Ankündigung des Castings nicht in einer Nachrichtensendung oder einem Politikmagazin erfolgte, sondern bei Dominic Heinzl in High Society. Man kann ja von Heinzl und High Society halten, was man will, aber als intellektuelles Format für die politisch interessierte Nachwuchselite ist es mit bisher noch nicht aufgefallen.


Der Superpraktikant auf ATV.at

Ebenfalls problematisch ist der Titel in Verbindung damit, dass der potentielle Superpraktikant kein Gehalt erhalten wird. Die vielzitierte Generation Praktikum scheint also auch schon im Kanzleramt in der Form billiger Arbeitskräfte angekommen zu sein. Dass man sich noch zusätzlich weigert auch nur irgendwie zu gendern und im Werbespot sogar die Kandidatin beharrlich Superpraktikant nennt, ist nur ein Detail am Rande.

Klar war jedenfalls, dass die Aktion das kreative Potenzial von vielen Menschen anregen wird, auch wenn diese nicht unbedingt Fans von Josef Pröll und der ÖVP sind. So ist derzeit die Falter Journalistin Barbara Toth an der Spitze der Praktikanten Charts, dicht gefolgt von Fake-Account Predro Beararro und Atheismus-Freak Niko Alm. Mein persönlicher Favorit ist aber der Wirschaftsflüchtling Thomas R. Koll, allerdings hoffe ich noch auf einen Kandidatur von Klaus Werner-Lobo, der wäre meiner Meiung nach genau der Richtige, um mit Josef Pröll den Jägerball zu besuchen. Letztlich stellt sich die Frage, kann die ÖVP aus der recht intensiven Rezeption via Twitter und Facebook irgendeinen Nutzen ziehen? Meiner Meinung nach schon und zwar dann, wenn man sich jetzt nicht verkrampft zurückzieht und auch die Spaßkandidaten bzw. auch jene, die vielleicht und durchaus zu recht provozieren möchten, im Rennen belässt und mit jenen, die sich mit dem Format Superpraktikant auseinandersetzen, den Dialog aufnimmt.

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12 Kommentare:
  1. linzerschnitte

    Was mich besonders erstaunte an der Aktion: hashtag #superpraktikant hat heute #unibrennt ausgestochen, mein facebook thread war geflutet und auch sonst war der superpraktikant gesprächsthema.
    Ich denke mal, wer auch immer den Superpraktikant-Einfall hatte wird nicht unzufrieden sein:)

  2. Klaus Werner-Lobo

    Danke für die Anregung, hab mich bereits als Hofnarr für King Pröll beworben und warte seit 15h auf Freischaltung ;-)

  3. HM Jahnel

    Der aspekt, dass nach der woche mit Sport in Schladming, Jägerball und “winzerkönigin betanzen”, noch eine Woche Urlaub folgt, fehlt noch..

  4. Philipp Maderthaner

    @linzerschnitte: war sogar sehr zufrieden ;)

  5. fatmike182

    Onkel Pröll erwartet sich vermutlich eine pornoesque Ballbegleitung für den Jägerball… was da wohl die ATV/Lugner-connection damit zu tun hat?
    Auch wenn sicher nicht Prölls Traumkandidat wäre Niko Alm ein spannender Gewinner: engagierter Mensch der in keiner Minute zu verlegen/feig sein wird der ÖVP ihre ad absurdum-Politik in deren Bewusstsein a.k.a. ((Flüchtlings-)Jagd-)Instinkt zu prügeln…

    Die Aktion ist zwar #yeaahh da interaktiv & Web2.0 “& so”, aber wie will man ohne Stimmmanipulation das ernsthaft so hinbekommen, dass jemand der wirklich jemals schwarz wählen würde gewinnt?

  6. The Sandworm

    Guter Blog, stellt die richtigen Fragen. Ich dachte zunächst das wär ein Scherz, ist es aber nicht. Zumindest bildet das Format “Der Superpraktikant” das aktuelle Politikverständnis der ÖVP ganz hervorragend ab. Arbeiten für lau oder Hungerlohn und Politik als Dauerfasching. Kurz - in Österreich lautet das politische Credo mittlerweile auch offiziell: Panem et circenses.

  7. fatmike182

    Bei http://superpraktikantin.at/ wird btw mittlerweile schon eine sprachlich ja viel sensiblere Variante “angeboten”, da das Original abscheulich gesetzwidrig ist. Leider kann ich mich als Mann wohl mit Praktikantin weniger Identifizieren als Frauen vermutlich mit der herkömmlichen Neutralbezeichnung Praktikant, daher fühle ich mich von der Website auch extrem diskriminiert, aber solang man Gesetze so auslegen kann wie man will, dienen diese der einen oder anderen Person bestimmt der Linderung mancher Komplexe.

  8. Philipp

    Leute mal ehrlich: Was hat das mit Ausbeutung zu tun, wenn man eine Woche einem Spitzenpolitiker über die Schultern schauen kann und politische Bildung quasi live erlebt???

  9. Georg

    Hab die Diskussion nur sehr am Rande verfolgt. Was mich interessiert: Lässt sich ATV das zum Teil von Pröll bezahlen? Zahlt der Steuerzahler da mit? Wenn ja, eine Sauerei.
    Wenn nein: Warum der Vizekanzler?

  10. Gerald Bäck

    @philipp Der konkrete Fall hat vordergründig nichts mit Ausbeutung zu tun. Allerdings gehts hier wie immer in der Politik auch ums symbolische, deswegen sollte der Gewinner auch entsprechend bezahlt werden. Bei Ich kann Kanzler gabs ürbigens ein Kanzlergehalt als Preis für den Sieger und ein richtiges Praktikum im deutschen Bundestag.

  11. Philipp

    und 1 woche ischgl mit allem drum und dran inkl. 500 euro urlaubsgeld is nix oder wie? wär’s besser gewesen zu sagen der durchschnittliche praktikant verdient 700 euro im monat - also bekommt österreichs superpraktikant 178 euro für die woche?? Es geht um eine woche einblick, was ist die richtige bezahlung dafür? ich find den urlaub passender …

  12. Gerald Bäck

    Wie gesagt, Euer Praktikant wird schon seinen gerechten Teil abbekommen. Mit geht es um die Symbolik, die gerade in der Politik besonders wichtig ist. Und gerade dort gibt es eben zwei Schwächen: unbezahltes Praktikum, kein auch nur ansatzweise erkennbares Gendern.

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