@DanielKapp und die Jubelperser

von Gerald Bäck am 30.11.09

Seit gut zwei Wochen beehren uns mehrere enge Mitarbeiter der Bundesregierung auf Twitter. Mich persönlich freut das. Vor allem, weil Twitter nicht nur als zusätzlicher Channel genutzt wurde, um die eigenen Botschaften unterzubringen, sondern um zu kommunizieren. Mitunter ging es etwas selbstreferenziell zur Sache, wennn sich der Bürochef von Vizekanzler Josef Pröll @DanielKapp und der Pressesprecher Faymanns @leoszem gegenseitig neckten. Man wusste nie so ganz genau, was ist nun ernst und was halb Scherz. Irgendwann fing dieses gegenseitige selbstreferentielle Imponiergehabe an zu nerven. Alle, die das stört, können sie ganz einfach entfollowen? Mich nerven ganz viele Menschen auf Twitter und dafür gibt es eine ganz einfache Lösung und die heißt unfollow und in extremen Fällen block. Auch Regierungssprecher dürfen Schwachsinn schreiben. Sie müssen nur die Konsequenzen dafür tragen. Insgesamt dürfte sich aber die Stratgie von @DanielKapp und @leoszem gelohnt haben, die Aufmerksamkeit der Twitteria war ihnen sicher.

Heute nahm der Fall eine nicht unbedingt unerwartbare Wendung. Robert Misik, ein Journalist den ich zwar schätze, aber dessen in tiefrote Wolle gefärbten poltitsichen Hintergrund man immer mitbedenken muss, griff also durchaus berechtigt Josef Pröll und seine Politik in seinem Videoblog an. Worauf @DanielKapp mit einem Zitat Broders wiederum @misik kritiserte. Soweit, so langweilig. Aber was folgte dann? Eine künstliche Aufregungskulisse. In den Hauptrollen @DanielKapp, @misik, @muesli und @olobo.

Ein einzelner Tweet war Robert Misik nämlich gleich ein ganzes Blogposting wert. Ein Posting, das übrigens total daneben war, denn natürlich hat auch ein Regierungssprecher das Recht, JournalistInnen zu kritisieren. Kritik an JournalistInnen ist eben genauso Teil der Meinungsfreiheit wie jene an PolitikerInnen. Ein Vergleich mit Putins Medienpolitik ist hier jedenfalls gar nicht angebracht. Es folgt was folgen musste und @DanielKapp lässt sich zu einem Tweet hinreißen, der drei Twitteranten als Jubelperser bezeichnet. Ebenfalls nicht die feine englische Art und ebenso unangebracht wie Misiks unpassender Putin Vergleich. Und genau hier beginnt dann auch das Politikerbashing. Es schalten sich gleich zwei A-Blogger ein, um den vermeintlichen Digital Imigrant @DanielKapp eine Lektion in Sachen virtuelle Umgangsformen zu geben. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht in Sachen künstlicher Empörung.

Was mich an der ganzen Geschichte wundert ist, wie sehr hier doch mit zweierlei Maß gemessen wird. Seit mittlerweile 15 Jahren Foren, Newsgroups und Chats wissen wir, dass eine verschriftlichte Kommunikation sehr oft zu Missverständnissen führt und trotzdem fallen wir alle immer wieder drauf rein. Ironie, Augenzwinkern und Sarkasmus lassen sich eben nur sehr bedingt über Twitter vermitteln. Die vorher kritisierten Hahnenkämpfe von @DanielKapp und @leoszem setzen sich nun in der Jubelperser Debatte nahtlos fort. Aber es ist mehr als ein medienbedingtes Kommunikationsproblem. Es mutet für mich wie ein Revierkampf an. Ein Kampf, in dem die vermeintlichen Platzhirschen ihr eigenes Terroritorium vor Andersdenkenden mit aller Wucht verteidigen und den Eindringling aus der politisch verfeindeten Reichshälfte schon an der Grenze des eigenen Twitterimperiums abweisen müssen. So gesehen konnte @DanielKapp nur Fehler machen.

Politische Parteien haben in Netz bekanntlich ein massives Kommunikationsproblem. Sie sind dort kaum vorhanden und wenn dann nur halbherzig. Sie spielen elend langweilige Youtube Videos online und wundern sich, dass diese unter 100 Views haben. Sie haben Webpages, die auf Alexa weit hinter halbherzig befüllten Blogs ranken. Sie stellen Fotos auf Flickr, die keiner sehen will. Sie betreiben Blogs, die oft plötzlich mit “Morgen wählen gehen” enden. Und sie verschicken nach wie vor Email-Spam an alle, die sich jemals für sie interessiert haben und so dumm waren, eine Email-Adresse rauszugeben. Vor dieser Geschichte voller Misserfolge und Missverständnisse ist es umso erfreulicher, wenn sich MitarbeiterInnen aus den Ministerbüros - also dort wo wirklich Politik gemacht wird - auf  Twitter begeben und ihre Sicht der Welt mit uns teilen. Beißreflexe sind hier unangebracht.

#unibrennt: 21,5 Millionen Reichweite in 4 Wochen

von Gerald Bäck am 27.11.09

Max Kossatz hat die letzten vier Wochen alle deutschsprachigen Tweets mit den Tags unibrennt, unseruni und audimax abgespeichert. Gemeinsam haben wir uns mit der Analyse dieser Tweets beschäftigt. Während Max sich vor allem um die sehr gelungene Visualisierung des zeitlichen und örtlichen Verlaufs von #unibrennt beschäftigt hat, interessierte mich die Reichweite und der Inhalt der Tweets.

Die erste Frage war, wie viele Leser mit allen Tweets überhaupt theoretisch erreicht werden konnten, und diese Zahl ist durchaus beeindruckend:

21.425.836 User theoretische Reichweite

386.860 Unique Followers

Die theoretische Reichweite ist die Summe aller Follower pro Tweet. Bei den erfassten 66.329 Tweets ergibt das eine durchschnittliche Reichweite pro Tweet von 323Followern. 21,5 Millionen ist ganz bestimmt eine Reichweite von der manche Holzmedien träumen!-) Interessant ist aber auch, wie viele eindeutige User sich dahinter verbergen. Dazu habe ich alle Follower der einzelnen Sender mit der TwitterAPI geladen und abgefragt. Das Ergebnis ist, dass fast 400.000 eindeutige Twitteruser zu den LeserInnenn der Tweets über #unibrennt zählen.

Von den 66.329 Tweets waren 16.563 Retweets. Auch das unterstreicht den viralen Charakter der Kampagne. Jeder vierte Tweet war also die Wiedergabe eines anderen Tweets über #unibrennt. Berücksichtigt wurden dabei aber nur Tweets mit RT oder Ähnlichem im Text, aber keine Tweets, die mit “via” weiter verbreitet wurden. Diese werteten wir als normale Mentions. Interessant wäre an dieser Stelle auch die am stärksten verbreitetsten Tweets gewesen. Leider ist es technisch nicht ganz so trivial, das zu erfassen, weil auch Retweets immer wieder in Teilen verändert werden und dadurch ein Abgleich schwierig wird. Vielleicht hat jemand eine Idee, wie man so eine Erfassung technisch lösen könnte.

Hashtags waren und sind ein zentrales Identifikationsmerkmal von unibrennt und so verwundert es nicht, dass insgesamt 157.573 Hashtags benutzt wurden, was einer durchschnittlichen Hashtagdichte von 2,37 pro Tweet entspricht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da die meisten zumindest mit #unibrennt und #unseruni getagt wurden. Was wiederum beweist, dass einmal eingeführte Hashtags nur schwer geändert werden können und in diesem Fall nur dazu führten, dass eben beide Tags gemeinsam benutzt wurden. Von diesen 157.573 Hashtags waren übrigens wieder 4.599 unterschiedlich. Was sind nun die 10 Top Hashtags?

TOP 10 Hashtags

49.016 Tweets #unibrennt
33.595 Tweets #unsereuni
14.473 Tweets #audimax
6.810 Tweets #bildungsstreik
2.773 Tweets #tubrennt
879 Tweets #fb
865 Tweets #vorklinik
768 Tweets #uni
684 Tweets #c1
629 Tweets #twitter

Interessant war auch, welche User entscheidend an der Verbreitung von #unibrennt beteiligt waren. Zuerst habe ich dazu die Mentions erfasst, also jene Twitternamen, die besonders häufig in Tweets erwähnt wurden.

TOP 10 Mentions

2.718 Tweets @unibrennt
644 Tweets @schaffertom
528 Tweets @porrporr
410 Tweets @gewure
371 Tweets @luca
340 Tweets @tubrennt
307 Tweets @digiom
303 Tweets @bildung_muc
283 Tweets @marburgstreikt
267 Tweets @lou_hefner

Dass der relativ junge Acoount @unibrennt am häufigsten erwähnt wurde, verwundert nicht weiter. Welchen realen Einfluss die weiteren genannten User auf die Bewegung #unibrennt an sich haben oder hatten, kann ich nicht sagen, wäre aber interessant, wenn die Insider, das kommentieren könnten. Auf Twitter haben diese TOP 10 jedenfalls enormen Einfluss, wie sich auch aus einer weiteren Statistik zeigt. Erhoben wurden die Top Sender in Sachen #unibrennt:

TOP 10 TwitterantInnen

2.571 Tweets @check_mbloging
1.355 Tweets @porrporr
934 Tweets @unibrennt
916 Tweets @gewure
754 Tweets @lou_hefner
659 Tweets @isarnixe
548 Tweets @sanktpetra
479 Tweets @twirus_de
475 Tweets @twicker_net
438 Tweets @tubrennt

Wie immer, wenn es um Kommunikation geht, machte also nur ein kleiner Teil der insgesamt 6.707 einzelnen TwitterantInnen der User den Großteil der Nachrichten über #unibrennt auf Twitter aus. Die Top 100 TwitterantInnen setzten insgesamt 25.018 Tweets ab, das heißt 1,5% der User haben 38% des Inhalts erstellt. Auf der anderen Seite haben von 6.707 einzelnen Usern 2.925 nur einen Tweet zu #unibrennt abgeschickt. In relativen Zahlen haben 44% der User lediglich 4,5% des Contents erzeugt.

27.046 oder 41% der Tweets enthielten mindestens einen Link. Ich habe die Links, durch die Longurl-API gejagt und konnte so die am öftesten verlinkten Seiten identifizieren:

TOP 10 Links

3.477 Tweets http://ustre.am/7pMZ
618 Tweets http://www.ustream.tv/channel/unsereuni
516 Tweets http://twicker.net/top10.html
505 Tweets http://de.twirus.com
475 Tweets http://dwitter.com
128 Tweets http://2009-de.com/contact_us
118 Tweets http://community.zeit.de/user/drridder/beitrag/2009/10/25/vorwahlen-statt-ueberhangmandate-mehr-demokratie-wagen
112 Tweets http://www.youtube.com/watch?v=gwAoMyIC4P0
103 Tweets http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/exkommunist-setzt-sich-durch
93 Tweets http://www.ustream.tv/channel/tu-brennt

Auch hier wenig Überraschungen. Die ersten beiden Plätze belegen Streams aus dem Audimax. Dahinter folgen allerdings schon #hashtag-Analyse-Tools, die auf Twitter regelmäßig die beliebtesten Tags posten. Meiner Meinung nach kratzen da ein paar Dienste ganz heftig am Spam!-)

FAZIT

Vor allem die Reichweite von über 21 Millionen erstaunt mich nach wie vor. Interessant war auch, herauszufinden, wer denn nun die Key-Influencer auf Twitter sind. Besonders spannend wäre jetzt, wie das die Studenten und Studentinnen in den Hörsälen sehen? Soviel zu den trockenen Zahlen. Weiter geht es drüben bei Max und wissenbelastet.com mit sehr interessanten Daten und Videos zu #unibrennt auf Twitter.

Schlechter Start für #heifi2010

von Gerald Bäck am 23.11.09

Ein konzentriert schreibender Heinz Fischer sitzt an seinem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch. Sorgsam trapiert ist darauf ein Babyfoto (Familie), drei Äpfel (Gesundheit), eine Ausgabe der Verfassung (Gerechtigkeit), frische Blumen (Naturverbundenheit und Geist fürs Schöne), ein geöffnetes Packerl Manner-Schnitten (Patriotismus) und ein Hufeisen (Aberglaube). Überraschung. Heinz Fischer möchte für das Amt des Bundespräsidenten wieder kandidieren. Und weil ohnehin niemand ernsthaft angenommen hat, dass Fischer nicht kandidieren würde, ist das eigentlich spektakuläre die exlusive Ankündigung seiner Kandidatur via Youtube. Nette Sache eigentlich, und man kann ja darüber hinwegsehen, dass sein Auftritt etwas gespreizt daherkommt. Man merkt richtig, dass das Kamerateam einige Takes gebraucht hat, bis die Aufnahme im Kasten war. Vor allem der staatstragende Einstieg mit einem konzentriert schreibeneden Fischer und sein unmotiviertes Aufstehen wirken etwas gesteltzt. Allerdings ein wirlich lockerer natürlicher Typ ist UHBP eben auch nicht, es könnte also letztlich doch authentisch.

YouTube Preview Image

Mit der Exklusivität auf Youtube ist es übrigens nicht allzu weit her, denn zeitgleich wurde Heinz Fischers Kandidatur auch über OTS bekannt gegeben. Offensichtlich traut UHBP oder seine PR-Verantwortlichen dem Web2.0 Braten doch noch nicht so ganz. Wobei ich mit selbst die Frage stelle, ob es wirklich eine voteilhaftes Konzept ist, den Bundespräsident unter dem Hashtag #heifi2010 promoten zu wollen? Einmal abgesehen davon, dass das Amt an sich ein realtiv unnötiges ist, bleibt doch der einzige USP für Heinz Fischer sein langweiliger staatstragender Habitus. Auf so einen Staatsnotar stehen Frau und Herr Österreicher offensichtlich. Ob dabei die schnelllebigen Kommunikationstools wie Twitter und Facebook wirklich helfen und ob es sinnvoll ist den Bundespräsidenten mit #heifi2010 gleichzusetzen, was mehr nach abgehalfterten DJ klingt, wage ich zu bezweifeln.

Allzu weit her ist es ohnehin nicht mit der Web2.o Affinität des Bundespräsidenten. So vergaß man anscheinend die Domain heifi2010.at zu sichern, die gehört jetzt Kollegen Thomas Knapp vom feuerhaken. Immherin gibt es mittlerweile einen Twitteraccount, freilich ohne Portrait und ohne Updates und ich bezweifle, dass das ein offizieller Account ist. Echte Netzkompentenz sieht jedenfalls anders aus, noch dazu wo Domaingrabbing aber sowas von 90er ist!-)

Inhaltlich bietet der Kandidat Heinz Fischer wenig. Was sollte er auch groß sagen nach sechs langweiligen Jahren als Staatsnotar, außer ein paar Stehsätzen:

  • Wir wissen, dass unser Land vor großen Herausforderungen steht.
  • Ich möchte ein Brückenbauer sein.
  • Wir müssen wissen, dass die Zukunft eines Landes auf engste mit der Zukunft unserer Jugend zusammenhängt.

Die drei Sätze waren übrigens schon das inhaltlich anspruchvollste in seiner Rede. Einen interessanten Aspekt wirft Gerhard Loub auf: Was wurde eigentlich aus der digitalen Hofburg? Aus BürgerInnenkonferenzen im Internet, der interaktiven Neujahrsansprache, der Einbindung von Info-Terminals, NGO-Kompetenzforen, Bürger/innenbeteiligung bei Auslandsreisen und der gläsernen Hofburg? Irgendwie hat Heifi darauf vergessen!

Aber auch wenn die politische Rolle und Funktion unseres Bundespräsident nicht wirklich klar ist, dürfte Heinz Fischer als Bundespräsident durchaus eine sportlichen Wert haben:

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