Das Märchen vom guten Internet oder Das Internet-Manifest

von Gerald Bäck am 8.09.09

Gestern um 11:55 veröffentlichten Deutschlands A-Blogger oder jene, die sich dafür halten, ein Internet-Manifest. Eine sehr theatralische Geste, wobei die UnterzeichnerInnen eine Erklärung schuldig bleiben, wofür es denn jetzt 5 Minuten vor zwölf sei. Außer österreichischer Sicht ist die Debatte auch lange nicht so heiß wie in Deutschland, sieht man einmal von einem dummen ÖVP/Grüne Beschluss im oberösterreichischen Landtag für Internetsperren ab, haben wir zum Glück keine Zensursula, die ohne Sinn die Meinungsfreiheit beschränkt. Die Debatte Blogs versus klassische Medien ist bei uns ebenfalls sehr handzahm und beim Urheberrecht hüpft uns Deutschland ebenfalls alle möglichen Grauslichkeiten vor, die zwar APA und VÖZ gerne auch bei uns verwirklicht sehen würden, aber damit derzeit dezent ignoriert werden.

Ein solches Manifest ist in Österreich also in dieser dramatischen Form nicht nötig. Beim vorliegenden Manifest muss ich mich dann allerdings wundern. Die offensichtliche Vorlage des Cluetrain-Manifest erreicht es stilistisch und inhaltlich bei weitem nicht. Es enthält überwiegend verallgemeinernde Phrasen und schräge Hypothesen. Web und Internet werden konsequent gleichgesetzt und als gesellschaftliches, wirtschaftliches und soziales Allheilmittel dargestellt.

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Prinzipiell richtig. Die große Revolution bleibt aber aus. Spiegel Online hat nach wie vor die meisten Verlinkungen in deutschen Blogs. Die klassischen Medien sind nach wie vor Leitmedien und die Öffentlichkeit im Netz ist lediglich eine kleine, wenn auch lautstarke Teilöffentlichkeit. Trotzdem gehen Blogs und Microblogs dem Großteil der Menschen am A vorbei.

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Neu im Verzeichnis twitternder JournalistInnen

von Gerald Bäck am
Name Ressort Medium TwitterName
Ingrid Brodnig Politik Falter @brodnig
Martin Muehl The Gap @muehlmartin
Michel Reimon frei @michelreimon

Die vollständige, aktuelle Liste findest Du hier:
http://www.baeck.at/blog/2009/03/12/twitternde-journalisten/#liste

Die Abtreibungsfalle

von Gerald Bäck am 4.09.09

Wenn die normative Kraft des Faktischen irgendwo wirklich greift, dann ist das bei der Abtreibung der Fall. Frauen haben wohl immer schon abgetrieben, nur früher eben mit erheblichem gesundheitlichen, gesellschaftlichen und juristischen Risiko. Das Problem an der Diskussion ist, dass es keine Kompromisse geben kann. Die einen, zu denen ich mich zähle, sind eben der Meinung, dass es sich um zwar ungeborenes aber ganz sicher um Leben handelt und die anderen bestreiten eben genau das. Ein Dazwischen gibt es bei diesem Thema kaum, obwohl es natürlich extreme Auswüchse auf beiden Seiten gibt.

Zum Beispiel wurde ein Abtreibungsarzt in den USA von militanten Lebensschützern ermordet. Wie pervers es ist, jemanden im Namen des Lebensschutzes zu töten, brauche ich wohl nicht näher auszuführen. Komischerweise sind übrigens dieselben Gruppen und Personen vehemente Befürworter der Todesstrafe, auch so etwas, dass extrem unlogisch anmutet und nur mit ideologischer Verblendung erklärt werden kann. In Österreich sind wir davon zum Glück weit entfernt, aber denn Sinn, Frauen vor einer Abtreibungsklinik zu belästigen oder gar einzuschüchtern, kann ich ebenfalls nicht erkennen.

Auf der anderen Seite steht eine kommerzielle Abtreibungsindustrie, dessen extreme Spitze jene Ärzte und Ärztinnen bilden, die sich in der Öffentlichkeit gerne als HelferInnen generieren. Zweifel scheint es keine zu geben. Besonders pervers erscheint mir das Abtreibungsschiff, dass von einer Non-Profit Organisation getragen wird und mittlerweile Gott sei Dank nicht mehr in Betrieb ist. Die Abtreibung zu akzeptieren ist eine Sache, aber sich aktiv aus Überzeugung für die Tötung von Leben einzusetzen, dann doch wieder eine ganz andere, die mir einfach nicht in den Kopf gehen will. In Wien hat jetzt Michael Häupl beschlossen für eine Firma, die mit Abtreibungen ihr Geld verdient, eine Party zu schmeißen. Denn schließlich sind das Wählerstimmen ganz im Gegensatz zu den ungeborenen Kindern. Worauf dort angestoßen wird, will ich lieber gar nicht wissen.

Die österreichische Realpolitik behandelte die Fristenregelung bis zum Vorstoß des Wiener Bürgermeisters als Tabu. Auch die ÖVP hat die Fristenregelung längst akzeptiert. Dabei gäbe es gerade auch abseits der Fristenregelung viel zu klären. Dass behinderte ungeborene Kinder bis kurz vor der Geburt getötet werden dürfen, wenn man nur einen Arzt findet, der die Behinderung bestätigt und die Abtreibung durchführt, ist ein ganz besonderes schreiendes Unrecht. Dass die sogenannte Pränataldiagnostik zu einer Selektion im Mutterleib und damit zu einer Art vorgeburtlicher Euthanasie umfunktioniert wird, ebenfalls.

Eine Strategie der Abtreibungsgegner kann ich aber nicht erkennen, sie konzentriert sich lediglich auf die Forderung nach einem absolutem Verbot, obwohl klar ist, dass dieses weder bei der Bevölkerung noch bei den derzeitigen politischen Parteien durchsetzbar ist. Ziel sollte es vielmehr sein, möglichst viele Frauen von einer Abtreibung abzuhalten und das beginnt bei der Aufklärung und der Empfängnisverhütung. Anstatt ständig die Abtreibung auf Krankenschein zu fordern – als ob Schwangerschaft eine Krankheit wäre – sollte die Pille aber auch Kondome auf Krankenschein verfügbar sein. Damit zusammen hängt eine ausreichende soziale Absicherung, die am besten in der Form eines bedingungslosen Grundeinkommens gewährleistet wäre. Und schließlich müsste es auch Abseits jener “Institute”, die mit der Abtreibung ganz gute Umsätze machen, aber auch abseits der kirchlichen Beratungsstellen ein massives Beratungsangebot für schwangere Frauen geben.

Mein derzeitiger Eindruck ist eher, dass schwangere Frauen in Notsituationen von Staat und Gesellschaft allein gelassen und zusätzlich von Abtreibungsgegners dämonisiert werden. Beides sollte sich ändern.

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