Respekt für Erich Haider
Ich konnte Erich Haider eigentlich nie besonders leiden. Das bisschen was von Oberösterreich zu mir drang, war auch nicht gerade sympathisch. Den letzten Wahlkampf hat Haider mit einer Anti Privatisierungskampagne gewonnen und er erweckte immer den Eindruck, als würde er jede sich bietende Möglichkeit nutzen wollen, um mit den Freiheitlichen zu koalieren. Aber Haider war auch nie ein Politiker Marke Phrasendrescher, wie man sie in Österreich leider nur zu häufig antrifft. Und so verlangt seine heutige Aussage zum Wahlausgang in Oberösterreich auch entsprechenden Respekt.
Weniger respektvoll verhielt sich unser Leserbriefkanzler. Der versuchte vor allem die Wahlniederlage der SPÖ herunterzuspielen und als lokales Ereignis abzutun. Für die Bundespartei sprach er lediglich davon, dass man in Zukunft des eigene Profil schärfen müsse. Dazu müsste die SPÖ freilich ein solches Profil erstmal haben. Die SPÖ heute steht für nichts, außer für sich selbst. Es geht um Macht, Geld und Einfluss für die eigenen Leute, auch wenn man diese Macht nur dazu nutzt, um an der Macht zu bleiben. Ein Bundeskanzler, der nur gerne den Bundeskanzler spielt, sich aber weigert Entscheidungen zu treffen bzw. eine eigene Politik zu verfolgen, ist einfach fehl am Platz. Wenn die SPÖ jetzt ihr Profil schärfen will, dann heißt das nichts gutes. Profil schärfen heißt bei der SPÖ aller Voraussicht nach mehr Einfluss für die strukturkonservativen Gewerkschaften und die Arbeiterkammer, mehr Einfluss für Charly Blecha, ein zurück in alte Verstaatlichungs- und Schuldenmachformeln und schließlich ein Hinwenden zu einer noch grauslicheren Asyl- und Integrationspolitik, aber ganz bestimmt keine grundlegende Werte- und Zukunftsdebatte. Welche Zukunft eine Partei hat, die den internen Diskurs wahrscheinlich schon unter Vranitzky dem Hochverrat gleichgesetzt hat, sei dahingestellt. Der SPÖ hilft jetzt nur noch ein Big Bang das hieße Rücktritt für Faymann, Cap und Rudas. Vor allem Cap kann man getrost als einen der Totengräber der SPÖ bezeichnen, ein politisches Jojo, das sein Fähnchen in den politischen Wind hängt, eine ewig unerfüllte politische Hoffnung der SPÖ, die mittlerweile zur Hypothek geworden ist. Sein Rücktritt käme allerdings mindestens 10 Jahre zu spät.
Die ÖVP ist da übrigens seit Schüssel auf einem ähnlichem Kurs, kann aber noch einiges kaschieren. Warum Pühringer aber zulegen konnte, entzieht sich meinem Bedürfnis nach Logik. Sein Wahlkampf wie auch sein Interview danach bestand jedenfalls ausschließlich aus Phrasen. Man darf aber gespannt sein, ob in der Lichtenfelsgasse schon die Neuwahlpläne gewälzt werden. Eine solche Taktik hätte in der ÖVP schon eine gewisse Tradition.
Für die FPÖ ist das Ereignis von 15% jedenfalls relativ mager. Anscheinend übernehmen die Freiheitlichen in Zukunft den Titel des Umfragekaisers von den Grünen. Für den Bund oder für Wien würde ich da aber trotzdem keinen Trend ablesen wollen. Landtagswahlen sind eben auch eine Landessache und manche Menschen sehen sich dann doch den mehr oder weniger abschreckenden Spitzenkandidaten an. Wobei HC Strache nicht weniger abschreckend ist, aber anscheinend nicht für alle.
Dass die Grünen jetzt schon eine Trendwende erkennen wollen, ist jedenfalls reines Wunschdenken. Ich freue mich für Rudi Anschober und seine Grünen, aber leider ist die Bodenständigkeit der oberösterreichischen Grünen kein Bundestrend sondern eher die Ausnahme. Die wahre Feuerprobe für die Grünen kommt erst mit dem Wiener Wahlkampf und wenn man sich das unprofessionelle Vorgehen der Wiener Grünen so ansieht, lässt das nichts gutes hoffen.

Andy
27.09.09 , 22:09
Also gerade Haider ist ein Phrasendrescher und mehr wurde auch nicht erwartet. Pühringer-Anschober haben Spitzenarbeit geleistet in den letzten 6 Jahren, dass die Fpö wieder auf ähnliche Werte steigen wird wie vor 2003 war klar, und dass die SPÖ unter Haider nicht mehr verloren hat, wundert mich sogar.
Siehe dazu meinen Beitrag von letztens:
http://www.alteknacker.at/2009/09/23/vernunft-und-emotionen-in-der-politik.html
Nachdem ich in OÖ lebe, ist der Artikel ziemlich lokalkoloriert….
Martin Margulies
27.09.09 , 23:09
na ja – was hätt’ der Haider denn bei minus 13% denn viel anderes sagen können – dennoch glaube ich ähnlich wie du, vor allem die Bundes-SPÖ verkennt gänzlich die Zeichen der Zeit – und auch deine pointierte Analyse der SPÖ könnte man vielleicht ergänzen – jedenfalls aber nicht widersprechen.
Nur weil in Vorarlberg die rechten Phobiker ein Viertel aller Stimmen eingefahren haben, ist das Ergebnis in OÖ dennoch nicht weniger erschreckend für die gesellschaftliche Entwicklung in Österreich. Und wenn man sich z.B. die GR-Wahl von Wels anschaut kommt einem das Speiben.
Die Freude über +0,13% bei uns Grünen bleibt mir angesichts dieser Situation sowieso im Hals stecken – und hier von einer Trendwende zu sprechen, hat mich schon vor einer Woche ziemlich genervt.
http://martinmargulies.wordpress.com/2009/09/21/trendwende/
Und dennoch liegt’s jetzt an uns Grünen innerhalb eines Jahres alternativen aufzuzeigen, die einen weiteren Rechtsruck der Gesellschaft verhindern.
Es nützt jetzt auch nichts immer wieder unprofessionelles Vorgehen zu kritisieren – es steht mehr auf dem Spiel als (zurecht bestehendes) individuelles gekränkt sein. Und gerade du Gerald hast es ja vorgemacht und bist Mitglied der Wiener Grünen geworden. Ein Weg der allen abgelehnten UnterstützerInnen noch offensteht in Hinblick auf die Landesversammlung am 15. November. Und ich würd’ mich freuen, wenn wir mehr werden.
Verdammt noch mal, irgenwie müsser wir das Steuer rumreißen – und das geht nur gemeinsam.
Gerald Bäck
28.09.09 , 09:09
@martin
naja es ist ja nicht so, dass Rücktritte und Rücktrittsangebote in der österreichischen Politik wirklich üblich sind. Meistens übernehmen PolitikerInnen die volle Verantwortung allerdings ohne persönliche Konsequenzen. Haider hätte sich auch auf den Bundestrend ausreden können und wäre damit wahrscheinlich nicht falsch gelegen.
Wie gesagt, ich empfinde die 15% eher als Niederlage für die FPÖ. Interessant wäre jetzt, warum das Ausländerthema bei uns so gut funktioniert und in Deutschland gar nicht? Nur die Krone kanns nicht sein. Allerdings bin ich da wirklich ratlos. Einen großen Unterschied zur politischen Kultur in Deutschland konnte man jedenfalls gestern beim Vergleich zwischen Berliner Runde und Im Zentrum sehen. Während bei uns wie immer bewusst aneinander vorbei geredet wurde, kommunizierten die deutschen Spitzenkandidaten tatsächlich miteinander. Ich denke, da fühlt man sich als WählerIn auch gleich ein wenig ernster genommen.
Mit der Kritik hier im Blog wird die Exekutive der Wiener Grünen allerdings weiter leben müssen. Auch wenn ich derzeit in der Wahlzelle keine Alternativen sehe, ist das Vorgehen des Landesvorstands rational derart unfassbar, dass es wohl noch einige Blogpostings braucht, um das zu verarbeiten.
adi
28.09.09 , 09:09
“Warum Pühringer aber zulegen konnte, entzieht sich meinem Bedürfnis nach Logik”
vielleicht weil die Belohnung für die Arbeit durch die Grünen an die ÖVP ging. Vielleicht glaubte jeder, dass die neuen Arbeitsplätze nur von einer Wirtschaftspartei kommen können.
Hannes S.
28.09.09 , 11:09
Darf ich es sagen? Es freut mich wirklich sehr, das Hr. Haider und seine SPÖ so abgestürzt sind. Ich denke, die Leute sind es leid andauernd von einer sehr unsozialen Partei dauernd Gewäsch mit sozialer Gerechtigkeit zu hören. Aber die SPÖ muss noch viel tiefer fallen bis sie sich erneuern kann…
@gerald Eine Partei kann ein Profil bekommen, wenn sie weiss wie sie die Zukunft konkret gestalten will, denn die jetzige Inhaltsleere kann natürlich nur hohle Phrasen hervorbringen. Aber das wäre ja Arbeit.
@adi Verstaatlichung und Schröpfen der Bürger hat noch nie Arbeitsplätze hervorgebracht ausser für Beamte, die keinerlei Wertschöpfung erbringen.
Weltbeobachterin
28.09.09 , 19:09
sorry, aber ärgere Phrasendrescher wie Pühringer war meines Erachtens schon der Haider. und den Verlust hat er sich selber zuzuschreiben.
und Anschober-Effekt war genauso sinnentleert wie die Pühringerplakate. -> und Anschobers Stehsätze gingen mir auch schon auf den Nerv.
OÖ hat gute Wirtschaftsdaten, vor der Krise gabs sogar Vollbeschäftigung. und Pühringer sprach schon Themen an: z.B: Senioren, Lehrlingsentschädigung etc. auch wenn die Plakate mehr auf Person als auf Sachbereich bezogen war.
Zu Anschober fällt mir ehrlich gesagt nur der Lufthunderter ein. und der bereitet wenigen Freude
Weltbeobachterin
28.09.09 , 19:09
PS: war ehrlich erstaunt, wie viele Phrasen der Anschober im Wahlkampf gedroschen hat. immer die selben Botschaften. das ist unter seiner Würde.
Herbert A.
30.09.09 , 09:09
gerald, ich denke da liegst du einigermaßen falsch. einzig erich haiders nicht-auf-die-bundespolitik-ausreden verdient respekt. dann wars das auch schon wieder. einen tag später lässte er sich das vertrauen aussprechen, wobei die meinungen auseinandergehen, ob das jetzt nur auf zeit war oder nicht. er sieht jedenfalls, dass die partei und er eh alles richtig gemacht haben, nur die wählerInnen waren halt zu dumm.
phrasen gedroschen wurden von allen – natürlich auch von rudi anschober, der immer wenn er zu wort kommen durfte seine rede von der energiewende und von den 14.500 arbeitsplätzen geschwungen hat. haider wollte dazu noch mit bundesthemen punkten. vor 6 jahren hatte er glück, eine schwarz-blaue regierung, die im für ihn passenden moment die voest verkauft (ich hab zum thema sogar mal eine seminararbeit geschrieben), diesmal hat das halt so nicht funktioniert.
mitleid muss man mit der spö in oberösterreich nicht haben. so auch in wels nicht, wo sie fulminant die absolute mehrheit verspielt haben. blöd aber nur, dass es jetzt dort eine blau-schwarze mehrheit im gemeinderat gibt. mehr dazu.
Andy
30.09.09 , 09:09
@herbert:
ich wusste gar nicht, dass du jetzt in simmering bist
eins noch zu deiner erklärung und deinem artikel:
du wirst es nicht glauben, aber mir haben jetzt schon einige grünwähler gesteckt, dass sie lieber einen blauen wieser wählen als noch einmal den (teils verhassten) koits. ich kann die argumente zwar nicht teilen, weil ich dazu zuwenig grün bin, aber ein bissl verstehen kann ichs schon…
Herbert A.
30.09.09 , 10:09
@andi: ich fürchte, du hast recht. den herrn koits kann man nur noch mit einigem widerwillen wählen. aber in diesem fall ist er doch das geringere übel.
ps: ja, eine zeitlang bin ich jetzt gependelt, jetzt endgültig wieder in wien.
Gerald Bäck
30.09.09 , 10:09
@herbert Ja da war ich wohl etwas zu voreilig. Dass erich haider jetzt tatsächlich weiter macht, damit hätte ich nicht gerechnet.
Herbert Anreitter
30.09.09 , 12:09
@gerald: aber am lustigsten ist ja die diskussion, dass alle außer ihm meinen, dass das nur bis zu einem außerordentlichen parteitag gilt, nur er glaubt, dass er das uneingeschränkte vertrauen bekommen hat.
Herbert Anreitter
30.09.09 , 15:09
so schnell kanns gehen, ist eine diskussion auch schon wieder überholt. nachzulesen hier, erich haider gibt seine funktionen ab. was immer ihn dazu jetzt doch bewogen hat, geralds respektbezeugung wird nachträglich doch noch gerechtfertigt.
Andy
30.09.09 , 18:09
Oder auch nicht:
http://www.alteknacker.at/2009/09/30/haider-tritt-nun-doch-zurueck-oder-doch-nicht.html
Herbert Anreitter
30.09.09 , 20:09
ja, interessante frage ist, ob der herr haider sein geld künftig nur in der linz ag verdienen wird oder auch nebenbei noch gewöhnlicher landtagsabgeordeter ist?