Die Wahlschmarotzer
Ja, ich bin frustriert. Frustriert darüber, dass die Wiener Grünen anscheinend genau das nicht sind, was ich mir erwartet habe, nämlich offen, demokratisch, kritik- und diskursfähig. Die Grünen sind mitten in der stinknormalen, abstoßenden Parteipolitik angekommen. Es war nicht zu erwarten, dass alle das Projekt lieben und uns mit offenen Armen empfangen werden, aber ich bin davon ausgegangen, dass sich die Grünen an ihr eigenes Statut halten und alle Vorwähler aufnehmen werden. Eine andere Annahme war für mich bis kurzem absolut absurd.
Ich habe bisher noch keinen Grünen getroffen, der offen der Meinung vertrat, alle Vorwähler müssten pauschal abgelehnt werden. Da stellt sich gleich nochmal die Frage, warum sind sie noch nicht angenommen worden? Alle möglichen Grünen selbst Christoph Chorherr wünschen sich oder verlangen von den Vorwählern mehr Zeit, nur wozu? Mehr Zeit heißt doch nur, dass noch nicht sicher ist, ob überhaupt jemand angenommen wird. Ich verstehe, dass einzelne Mitglieder der Grünen um ihre Positionen, Mandate und Einkommen fürchten, nur kann diese Angst vor dem Vorwähler wirklich soweit gehen, dass das Statut der Wiener Grünen zurecht gebogen wird?
Viele Grüne haben Angst, dass wir einen fiesen Masterplan verfolgen, um damit bestimmte Kandidaten zu pushen oder gar andere abzuwählen und übersehen dabei, dass die Vorwähler eine sehr inhomogene Gruppe sind, die lediglich der Wunsch eint, die Grünen wieder mehr zu öffnen. Mit der Nichtbehandlung dieser Unterstützer passiert allerdings genau das, wovor man bei den Grünen Angst hat. Die Vorwähler vernetzen sich untereinander, sprechen sich ab und reden zum Beispiel darüber, wer bei den Grünen denn nun für uns und wer gegen uns ist. Die Angst der Grünen vor einer homogenen Gruppe erzeugt also genau eine solche, eine Self-Fulfilling-Prophecy.
Das Statut der Wiener Grünen besagt, dass Unterstützer unter Angabe von Gründen abgelehnt oder aufgenommen werden müssen. Beides passiert nicht, es wird also zumindest eine Beugung des Statuts in Kauf genommen. Meiner Meinung nach will man damit Zeit gewinnen und eine eventuelle Ablehnung erst nach den EU-Wahlen durchführen. Denn nachher wäre wieder genug Zeit, um ein negatives Medienecho bis zu den Wiener Wahlen einfach auszusitzen und Aussitzen scheint eine Kernkompetenz zu sein. Das heißt nicht, dass ich glaube, dass bei den Wiener Grünen ein fieser Masterplan existiert, aber eine andere logische Erklärung für die bewusste Verzögerung bis nach den EU-Wahlen, gibt es einfach nicht.
Gestern beim Infoabend wurde uns erklärt, dass manche Mandatare und Möchtegern-Mandatare vor einer größeren Öffentlichkeit als der der eigenen Partei Angst haben und eine Verlagerung des Wahlkampfs um Mandate außerhalb der traditionellen Strukturen fürchten. Mir kam das vor, als sollte der Grüne Klub im Rathaus eine geschützte Werkstätte sein, aber es geht dann doch um Politiker. Politiker, die sich schon vor einer nahestehenden Teilöffentlichkeit fürchten haben letztlich den falschen Job gewählt und sollten dringend ihren AMS-Berater aufsuchen. Aber mit der Kommunikation ist es bei den Wiener Grünen auch nicht so weit her, denn im Handbuch darüber, wie man nicht mit seinen Wählern kommuniziert, müsste dieser Fall ganz oben stehen. Ein Landesgeschäftsführer schreibt einen Offenen Brief an die Vorwähler und bittet diesen auf unser Blog zu stellen. Vergisst aber dann, sich an der Diskussion darüber zu beteiligen, um fünf Tage später einen Kommentar zu schreiben, der genauso unverbindlich ist, wie das Wischi-Waschi in seinem Offenen Brief vorher. Da braucht man weder Kommunikationsexperte noch Blogger zu sein, um zu wissen, dass so etwas nicht gut ankommt, dazu sollte der Hausverstand schon ausreichen.
Angst scheint also das zentrale Thema bei den Grünen zu sein. Fast ist man verleitet, von einer Angst vor der Überfremdung zu sprechen. Die Grünen lassen die Grenzbalken runter, machen die Schotten dicht und sagen das Boot ist voll. Die Partei der Toleranz bringt damit den Vorwählern ein pauschales Misstrauen entgegen und stellt diese unter einen Generalverdacht, in dem ihre Redlichkeit angezweifelt wird. Es wird den Unterstützern unterstellt, sie wollen gar nicht mitarbeiten, sondern nur mitbestimmen, Wahlschmarotzer quasi. Diesem Geist entspricht auch das Posting eines Grünen Bezirksrats, der so etwas wie eine Gewissensprüfung fordert. Analog zu den Deutschtests für Zuwanderer, soll die korrekte Verwendung des Binnen-I und eine Prüfung über die Prinzipien der Grünen stehen. Dabei ist Paranoia bei den Grünen durchaus angebracht, glaubt man einem Artikel in der neuesten Ausgabe von Fleisch, der besagt, dass von 50 befragten Grünen Funktionären 26 in den letzten 20 Jahren nie Grün gewählt haben. Wenn also schon die Grünen Funktionäre, so wenig von der eigenen Bewegung halten, scheint es schon wieder verständlich, dass Unterstützer unter Generalverdacht gestellt werden.
Natürlich gibt es auch andere Grüne, wie Bernhard Krön schreibt, aber diesen muss ich auch die Frage stellen: Warum lasst ihr Euch das gefallen? Warum können ängstliche Funktionäre die Grünen derart lähmen?
Fazit: Die Vorwähler sind ebenfalls dort angekommen, wo sie nie hin wollten. Mitten im versteckten Spiel um Positionen, Mandate und Lebensentwürfe, wo sehr schnell Prinzipen zu Gunsten von Macht- und Eigeninteressen über Bord geworfen werden und man anscheinend von einem Bruch des Statuts nicht zurückschreckt.

digiom (Jana Herwig)
13.05.09 , 08:05
Interessant, ich habe den gestrigen Info-Abend, wo auch Angela Stoytchev vom Vorstand da war, als sehr konstruktiv erlebt. Öffnen geht nicht von heute auf morgen, und wie gestern jemand (eh Angela) erwähnte: Wären alle auf einen Schlag aufgenommen, würde sich schon keiner mehr dafür interessierenn, womöglich nicht mal wir selbst:)
Wir sind mitten drin in enem ‘Social Drama’ (im Sinne Turners http://cbae.nmsu.edu/~dboje/theatrics/7/victor_turner.htm), und das Aushandeln der Positionen und Gefühle (auch von Frust) gehört dazu. Schauen wir, was hinterher rauskommt. Keiner ist der Ansicht, wie du auch schreibst, dass alle pauschal abgelehnt werden sollen – aber auch keiner glaubt, dass alle pauschal angenommen werden müssen. Dazwischen liegt das Social Drama
Gerald Bäck
13.05.09 , 10:05
Du hast Recht, Öffnen geht nicht von heute auf morgen. Nur war ich der irrigen Annahme unterlegen, die Grünen wären zumindest so offen, ihr eigenes Statut zu befolgen. Das gilt wohl nur für Friends and Family.
Die Hinhaltetaktik dem Grünen Vorstand positiv anzurechnen, weil das Projekt durch den Konflikt mehr Zustimmung bekommt, was sicher stimmt, halte ich für verwegen!-)
Dieter Zirnig
13.05.09 , 12:05
Digital Mindshift und genereller Change dauern Jahre – vorallem in Unternehmen und großen Organisationen, wie es auch Parteien sind. Auch Die Grünen zähle ich in einem Atemzug zu großen Organisationen, wie es eben SPÖ und ÖVP sind.
Ich verwende dafür folgendes Beispiel: Große Organisationen bewegen sich wie große, schwere, überdimensionale und vollbeladene Lastwägen mit starker Besatzung. Viele der Besatzungsmitglieder schrauben an relevanten und unrelevanten Schrauben, Ventilen und Rädern, damit das Fahrzeug auf Kurs bleibt oder seinen Kurs ändern kann.
Ein Fahrzeug dieser Art in eine andere Richtung zu bewegen benötigt viel Aufwand, Abstimmung und Aufklärung, bis jeder der Besatzung Bescheid weiß und gemeinsam in dieselbe Richtung navigiert. Das dauert seine Zeit – wenn das Fahrzeug allerdings auf neuem und der ‘Zeit richtigem Kurs’ ist, dann ist es dort mächtig schwer unterwegs und ist stärker, als es zuvor war.
Kleine Organisationen vergleiche ich mit schnellen Formel-1-Autos. Sie sind wendig, schnell und flink. Bunt und modern. Mit viel Übung lässt sich der Bolide in engen, scharfen Kurven perfekt durchsteuern und mit krachender Geschwindigkeit auf geraden jeden Konkurrenten hinter sich lassen. Es gibt einen Fahrer, der das Risiko trägt, der den Kurs auf der Strasse definiert und der blitzschnell durch die Kurven lenkt.
Die Fahrer sind schnell mal ausgetauscht, falls sie nichts taugen. Das Formel-1-Auto ist allerdings – so wendig und flexibel es auch ist – sehr anfällig. Ein kleiner Fehler und das Auto schleudert, fällt aus der Kurve. Es kann auch mal vorkommen, dass es einen technischen Defekt erlangt. Das ist das große Risiko.
Wir benötigen allerdings beides: Große Autos, kleine Autos – große Unternehmen, kleine Unternehmen: Das Know-How, die Innovation, die Technik und die Menschen, welche die Innovation von morgen an einem Formel-1-Auto testen und neu definieren um sie dann an großen, schweren Fahrzeuge für die Mehrheit anwenden.
Die Zahl der Innovatoren ist sehr, sehr gering. Es gibt zählbare Formel-1-Fahrer – PKW- und LKW-Fahrer gibt es en masse. Die Leute, die Innovation leben und erproben, um sie dann für die Gesamtheit, die Mehrheit der Bevölkerung anwendbar und nutzbar machen.
Wenn diese Art der Innovation ein Ziel der Grünen Vorwahlen ist, dann begrüße ich die Initiative, die ich sehr gut finde.
Innovation und Veränderung dauern Jahre. Ich wünsche mir, die MitmacherInnen, UnterstützerInnen und InitiatorInnen der Grünen Vorwahlen haben solange Geduld und agieren den Grünen als “Coachies” und Berater mit viel Geduld und Aufklärung. Sorgfältig und – vorallem – Gemeinsam. Zuviel agressiver und eigener Ehrgeiz kann hier durchaus das Gegenteil bewirken.
Ein Landesgeschäftsführer
13.05.09 , 14:05
Wir sind also eine stinknormale, abstoßende Partei geworden? Morgen wenn wir uns zwischen mehrere gewaltbereite Blöcke von links und rechts stellen und gleichzeitig mit der Polizei debattieren warum sie gerade unsere Kundgebung verboten haben, werde ich das mit ein paar Funktionärinnen diskutieren. Die von der GAJ werden dem Gerald sicher recht geben, die vom Bund werden finden, dass die Wiener Grünen vielleicht doch nicht ganz normal sind. Das Ergebnis werde ich dann im Fleisch veröffentlichen, aber ob die einer Umfrage glauben, die sie nicht selbst gemacht haben?
Was ich allerdings nicht debattieren brauche: Also dieses Statut der Wiener Grünen wurde von uns geschrieben, wir wissen was wir damit wollen und wir entwickeln es weiter, was einen Teil der Zeit benötigt die wir da mutwillig einfach vor uns hin reden ohne dabei zu bloggen.
Aber Gerald Bäck weiß was drinnen steht. Da hätte ich ja dann noch ein paar offene Interpretationsfragen. Am allerwichtigsten die, ob in wir Lücken im Statut generell durch Analogschlüsse zu anderen Bestimmungen auflösen sollen, oder ob Lücken gewollte Auslassungen sind?
Wirklich gelacht habe ich über das Versprechen, dass es keinen fiesen Masterplan bei den Grünen Vorwahlen gibt. Danke, jetzt bin ich erleichtert. Aber bei deiner politischen Erfahrung ist es fast schon eine Beleidigung der allgemeinen Intelligenz so was in deinem Blog zu schreiben.
Die Wiener Grünen mit der in Östereich gängigen Migrationspraktik zu vergleichen ist jenseits der Geschmacksgrenze. Ich diskutiere gerne darüber wo wir offen sind und wo nicht. Weil ja, wir sind nicht so offen, wie sich das viele inklusive mir wünschen würden.
Wenn du bei diesem Vergleich bleibst ist das unserer offenen Kommunikation eher sehr abträglich.
Ein Landesgeschäftsführer
P.B. Ich bin übringens der Landesgeschäftsführer und ich und der Bezirksrat haben auch einen Namen, sei so gut. Die Grünen, die du gut findest schaffst du ja auch namentlich zu erwähnen.
Angela Stoytchev
13.05.09 , 15:05
hallo gerald,
tja, so gut ist mir das mit dem versuch eines positiven signal und erläutern, warum es bei uns gerade so ist, wie es ist, dann wohl doch nicht gelungen, wenn ich mir deinen beitrag durchlese. speziell der vergleich mit den grenzbalken runterlassen, überfremdung, volles boot schmerzt wirklich. vor allem, da ja – und deshalb ja auch der frust – noch gar keine entscheidung – und eben auch keine njet-entscheidung – gefallen ist.
mich frustrieren generelle “worst-case-annahmen” auf beiden seiten sehr, (“grüne vorwahlen haben einen bösen masterplan” vs “die grünen verschleppen und beschwichtigen nur wegen der ep-wahl, steht eh schon fest, dass sie niemanden aufnehmen”), ich dachte, wenigstens dahingehend einen beitrag geleistet zu haben, der uns von den annahmen ein stückerl weg bringt. schade. aber ich geb trotzdem nicht auf.
lg
angela
Katrin Uhlik
13.05.09 , 16:05
Konnte leider gestern nicht beim Treffen sein, aber der Ton/Frust bzw. die Aggression irritiert mich als Vorwählerin – und zwar von beiden Seiten, also von Bäck und Korbei.
Rhetorische Frage: Wie wäre es mit Runterschrauben der Emotionen und Rückkehr auf die Sachebene?
Ich finde die Initiative der grünen Vorwahlen als soziale Intervention genial, aber wünsche mir, dass sie konstruktiv bleibt!
digiom (Jana Herwig)
13.05.09 , 16:05
Sagen wir so: Wenn niemand der Ansicht gewesen wäre, dass Öffnen notwendig ist (weil eh alles offen ist), hätte es das Projekt Grüne Vorwahlen nie gegeben.
Wenn wir jetzt also feststellen, dass die Öffnung nicht von heute auf morgen zu haben ist, dann ist das eh nur, was wir vorher wussten, was sogar der Anlass war.
Insofern, im Sinne des Projekts: mit Gleichmut voran! Und nicht aufgeben! Danke, Angela, für’s gestern vorbeischauen, für’s nicht aufgeben, letztlich sind die Grünen Vorwählerinnen ein heteroglotter Chor – siehe auch:
http://twitter.com/MartinSchimak/status/1777867672
http://twitter.com/digiom/status/1777839708
Gerald Bäck
13.05.09 , 16:05
@robert ich lass den Großteil Deines Beitrages einmal so stehen, denn ich habe bewusst einen polemischen Blogbeitrag verfasst und diese Polemik gestehe ich auch Dir zu. Ihr habt in den letzten Wochen generell den Eindruck vermittelt, dass Ihr erst reagiert, wenn die Beiträge angriffiger formuliert sind.
@angela Ich bin gestern zu spät gekommen und wusste daher nicht, was vorher schon besprochen wurde und nachdem die Stimmung so gut war, dachte ich mir, anscheinend haben die alles geklärt, dem ist aber meiner Meinung nach, und ich spreche da nur für mich, nicht so, denn dazu wären zumindest irgendwelche verbindlichen Aussagen zum Beispiel in der Form eines Termins nötig, die es noch immer nicht gibt.
Gestern war sehr viel von verschiedensten Ängsten der Grünen Funktionäre die Rede, die entweder auf Besitzstandswahrung hinauslaufen oder eben genauso diffus und unbegründet sind wie die Angst vor Überfremdung. Und genau deswegen habe ich diesen Vergleich gewählt. Ich bin übrigens nicht der einzige, der diese Parallelen sieht: http://glattundverkehrt.wordpress.com/2009/05/11/von-der-kunst-aus-unterstutzern-mitglieder-zu-machen/
Helge
13.05.09 , 16:05
@Angela und @Robert:
Ich kann euren Frust als Reaktion auf Geralds Frust verstehen. Gerald kotzt sich aus, ist unfreundlich, geht vom Worst Case, ist alles andere als diplomatisch.
Wenn ich das Gegenteil von Gerald mache und auf Basis der Faktenlage nur das Beste annehme (ihr findet die Vorwahlen wunderbar), dann komme ich doch auf ein Ergebnis, das ich problematisch finde:
Dass die Vorwähler (nach so langer Zeit) nach der “alten” Unterstützer-Annahmepraxis ohne Weiteres angenommen werden, ist offenbar höchst unwahrscheinlich, auch wegen der zweiten (nicht-öffentlichen) Initiative. Ihr werdet euch also einen zusätzlichen Filter einfallen lassen (zb. ein persönliches Kennenlernen). Alle Andeutungen von dir deuten darauf hin.
Auch wenn das nicht eure Absicht ist, wird das dazu führen, dass nur eine Teilmenge der Vorwähler übrigbleibt. Sagen wir mal, bei extrem guter Mobilisierung: zwei Drittel. Der Rest hat Terminprobleme oder sieht die geänderte Vorgangsweise nicht ein.
Was passiert dann? Jemand schreit “Schikane!”. Man fragt sich öffentlich, warum Vorgangsweisen, die seit Jahren für Friends & Family der Kandidaten gegolten haben, auf einmal für die Vorwähler verschärft werden. Etwa, um die Vorwähler auf ein einflussloses Maß zu reduzieren?
Es kommt zu einer Solidarisierung, und die meisten der mobilisierten Leute werden euren Filter (eure Veranstaltung oä.) dann doch boykottieren. Unterstützungserklärungen werden zurückgezogen.
Und, was niemand wollte – auch ihr nicht, die Vorwahlen fliegen den Grünen mit lautem Dröhnen um die Ohren.
Bitte nicht als Drohung auffassen, sowas passiert ganz von alleine und lässt sich kaum verhindern. (Ich kann dir für meine Person versichern, dass ich an nachhaltigen Schaden à la Causa Voggenhuber kein Interesse habe.)
Ich sage das so deutlich, weil ich mir nicht sicher bin, ob sich alle dieser Dynamik bewusst sind.
In diesem Kontext interpretiere ich auch Geralds Stimmungslage. Nicht der erste “Schikane”-Aufschrei. (Sag Bescheid, Gerald, wenn ich dich da falsch interpretiere.)
The Sandworm
13.05.09 , 17:05
Leider konnte ich am gestrigen Infoabend nicht teilnehmen, irgendwie scheint es mir aber, dass die Stimmung derzeit trotz allem ins Negative kippt. Ich kann kaum verhehlen, dass es mir selber ähnlich geht und seit ich Grüne Vorwählerin bin bzw. werden möchte, muss ich schon sehr viel reflexives Denken und aktives Sich-Distanzieren aufwenden, um meine aktuellen Gefühle im Bezug auf die Grünen nicht ausschließlich ins Negative kippen zu lassen. Was mich trotz allem erstaunt ist die Tatsache, dass die Wiener Grünen ein paar (vielleicht sogar sehr viele – je nach Sichtweise) verprellte Vielleicht-Wähler offenbar ohne Probleme in Kauf nehmen. Umso mehr, weil gerade die Stimmung in den diversen Foren seit der “Causa Voggenhuber” von schlecht auf katastrophal gewechselt hat. Wirklich erstaunlich!
Martin Schimak
13.05.09 , 17:05
Man “darf” durchaus mal frustriert sein, und man darf auch polemische Beiträge verfassen – Anlass dazu gibt es aus subjektiver Sicht sicher sowohl für diejenigen, die Grüne VorwählerInnen erst werden möchten, als auch diejenigen, die es so wie Gerhard Ladstätter schon sind.
Hatte auch schon meine Phasen und werde noch welche haben. Und mir hat auch bei Herrn Ladstätter der Humor eher versagt, mit ein paar Tagen Distanz fällt mir jeder andere Blick als ein humorvoller ehrlich gsagt sehr schwer.
Es gibt momentan auch positive Dinge, so habe ich wie Jana den gestrigen Info-Abend, wo auch Angela Stoytchev vom Vorstand da war, ebenfalls als sehr konstruktiv erlebt. Sie hat uns versprochen, dass es klare, offene Entscheidungen geben wird und keine Verzögerungstaktik über Ende Juni hinaus. Sie konnte uns aber nicht berichten, dass alles schon zu aller Zufriedenheit ausgestanden wäre. Ist es eben noch nicht.
Aus meiner Sicht gibt es tatsächlich nur eine kluge Entscheidung – die mutige, schnelle. Aber das ist eben nur meine Sicht. Ungrün?
Super super finde ich, dass die Mehrstimmigkeit der Grünen langsam aber sicher nach aussen sichtbar wird. “Mehrstimmigkeit” ist nicht nur ein Begriff aus der Musik, sondern steht bei mir auch für ein vielversprechendes Gegenkonzept zu dem nach den 90er Jahren peinlich vermiedenen “öffentlichen Streiten”: öffentliche Streitkultur. Eine Partei die das Kunststück schafft “kultiviert” mit vielen Stimmen zu sprechen kann auch viele Stimmen ansprechen.
Lg vom versöhnlich gestimmten Martin (der aber auch anders kann – seid also immer auf der Hut vor mir!
Judith
13.05.09 , 23:05
Liebe Grüne,
es fällt mir angesichts eurer vielen Blogkommentare, Offener Briefe, Gesinnungstests und Bannerbasteleien schon schwer zu glauben, ihr hättet bisher “zuwenig” Zeit gehabt, die Vorwähler-Anträge zu überprüfen….
Auch ist offensichtlich, dass ihr bei eurer grünen Version des Demokratie-Spielens unter euch bleiben wollt. Wie in einem Schrebergartenverein soll man sich erstmal lange Jahre anbiedern, bevor man eine kleine, aber ertragreiche Parzelle zugewiesen bekommt. Auf die setzt man sich dann drauf und gibt sie auf keinen Fall wieder her.
Meine Frage an euch: Was wollt ihr dann eigentlich überhaupt hier, im Internet, im Web 2.0, bei Social Networks? Wenn ihr billiges, mundtotes Stimmvieh wollt, solltet ihr euch den Online-Schnickschnack sparen und wieder vor einem Supermarkt Flyer verteilen.
Helge
13.05.09 , 23:05
@Judith: Lass uns bitte die Grünen nicht dafür prügeln, dass sich kommunizieren..
Auch sonst malst du gerade mächtig schwarz, was ist dir denn über die Leber gelaufen?
Judith
14.05.09 , 01:05
@helge …muss wohl eine grüne laus gewesen sein:)
oder ich bin so mieselsüchtig weil ich krank bin und nicht schlafen kann
Aber ich beobachte hier, wie seit Wochen lange Blogposts und noch längere Kommentarthreads entstehen.Auf Aufbegehren folgt Beschwichtigung und am nächsten Tag geht das Spiel von vorne los. Sogar Zeitungen schreiben Artikel, in denen über die Querelen um die Vorwahlen berichtet werden. Dazu werden Info-Abende und Minibarcamps abgehalten. Aber auch wenn Kommunikation/Diskurs grundsätzlich total super sind – irgendwann sollte man auf die Worte Taten folgen lassen.
Für mich ist das Maß an “rührigen” (©Standard) Worten im Verhältnis zur Größe des “Problems” Grüne VorwählerInnen, einfach voll.
bruckner
14.05.09 , 09:05
kann judith sehr gut verstehen, hab ebenfalls den eindruck, das sich hier eine verzögerungstaktik breit macht; aussitzen, hab ich irgendwo gelesen. darüber hinaus klingt mir ein gespräch in den ohren, das ich gestern mit einem unternehmer hatte. er erzählte, er hätte sich bei den grünen zwei jahre lang um aufnahme bemüht, weil er sich politisch engagieren wollte im zweiten bezirk (ich kenn denn von der BAGRU an der GEWI damals – also mit sicherheit im links-grünen eck) – sein ansinnen wurde einfach ausgesessen, sprich: nicht beantwortet. trotz interventionen bei lunacek&co… sowas kann ich nicht verstehen. und bestätigt leider befürchtungen hinsichtlich obig erwähnter schrebergärten, die verteidigt werden bis aufs blut…
Angela Stoytchev
14.05.09 , 10:05
@judith, @bruckner: ich kann euch wahrscheinlich den schlechten eindruck, den ihr zunehmend gewinnt, nicht “wegschreiben”, ist mir völlig bewusst, auch wenn sich einige grüne (inkl. mir) bemühen, zu erklären, warum es grad so ist, wie es ist, und was die schwierigkeiten sind, derentwegen wir grad lang brauchen für eine entscheidung. aber, ich kann DEFINITIV versichern, dass es NICHT plan, ist, das auszusitzen, zu verschleppen, bis es obsolet geworden ist, etc. es WIRD eine entscheidung bis zum für die vorwählerinnen relevanten zeitpunkt geben. hoffe, wenigstens diesen zweifel ausgeräumt zu haben, wenngleich auch der restfrust wahrscheinlich bleibt.
lg
angela
Gerald Bäck
14.05.09 , 10:05
@angela Das Grundproblem ist, dass keiner versteht, warum es überhaupt eine Entscheidung braucht und ihr nicht schon lange den Großteil aufgenommen habt. Ihr werdet mit Eurem Verhalten ganz einfach Euren eigenen Ansprüchen sowas von gar nicht gerecht.
Was mir bei der Sache noch sehr sauer aufstößt ist, dass wir permanent mit irgendwelchen Befindlichkeiten des siebten Zwerg von links innerhalb der Grünen konfrontiert werden und Verständnis dafür eingefordert wird. Nur ich habe kein Verständnis für ängstliche Betonierer.
Markus Rathmayr
14.05.09 , 12:05
@Gerald
Das Unverständnis ist ganz meinerseits.
Es gibt bei uns keine siebten Zwerge von links. Um in deiner Diktion zu bleiben sind wir ein riesegroßer Zwergenhaufen, bei dem Einzelbefindlichkeiten viel mehr zählen, als in streng hierarchisch organiserten Parteien. Das ist gut so und darauf sind wir stolz.
Judith
14.05.09 , 14:05
@markus Wie genau rechtfertigt ihr eure Priorisierung von Einzelbefindlichkeiten vor euren Wählern/Unterstützern? Denn ist es nicht eure Pflicht als gewählte Vertreter des Volkes, eure Einzelbefindlichkeiten außen vor zu lassen?
Markus Rathmayr
14.05.09 , 15:05
@judith
Bitte trenn Parteien von öffentlichen Mandaten. Als Mitglied des Landesvorstands bin ich den Mitgliedern der Wiener Grünen verpflichtet und habe auf diese Rücksicht zu nehmen, denn diese haben mich dorthin gewählt. Unsere Aufgabe ist es – auch nach dem Vereinsgesetz übrigens – den Verein/die Partei zu leiten und die Partei als Ganzes im Auge zu haben – und alles ganz ehrenamtlich!
Als Mandatar (z.B. Bezirksrat) bin ich meinen/unseren WählerInnen verpflichtet und da haben persönliche Befindlichkeiten in meiner Arbeit innerhalb der Gremien keinen Platz, sehr wohl aber grün-kulturelle Herangehensweisen im Entscheidungsprozess.
Ich muss auch mal was grün-geschichtliches anmerken. Ich bin selbst noch nicht so lange bei den Grünen (seit 2004) und musste viele dieser Dinge auch erst verstehen lernen: Die Grünen sind als außerparlamentarische Bewegung entstanden. Es war lange gar nicht sicher, ob diese Gruppe überhaupt den sog. Marsch durch die Institutionen antreten soll. Unter anderem auch aus der Überlegung heraus, dass die fast schon gezwungene Fokusierung auf WählerInnenstimmen bei der eigenen Positionsfindung schwierig werden könnte. Damals ist dann doch die Entscheidung gefallen diesen Weg zu gehen. Was aber immer noch ganz tief in der grünen Kultur verwurzelt ist und bei jeder Strategiediskussion im breiteren Rahmen betont wird ist, dass die Maximierung der Stimmen kein Selbstzweck ist und wir dies nicht um jeden Preis wollen. Es steht immer die möglichst breite Umsetzung unseres Gesellschaftsmodells im Vordergrund und der Wunsch natürlich möglichst viele Menschen davon zu überzeugen.
Was auch immer kommt ist der Rückgriff auf einen alten Wahlkampfslogan “Wir sind nicht für alle da”. Ist alles ein wenig überspitzt soll aber symbolisieren, dass in diesem Punkt die Grünen definitiv anders sind (sympathischerweise) als andere Parteien – was auch aus der Geschichte erklärbar ist. Daher wirken auch PR-Fiasko-Prophezeiungen meist wenig, zumindest nicht an der Basis.