Sozialpornographen

von Gerald Bäck am 30.05.09

Heute morgen habe ich Elektropost von Sasha Walleczek (@SashaWalleczek) bekommen, worin sie mich sinngemäß bat, das Wort Sozialporno bei Ihrer Ressortzuordnung im Verzeichnis twitternder JournalistInnen zu streichen, da sie diese Zuordnung naturgemäß nicht so sieht. Ich nehme diese Mail zum Anlass, mich  intensiver mit dem Thema der Reality-Formate und warum ich diese für Sozialpornographie halte, zu beschäftigen. Mir geht es dabei weniger um die Sendungen von Frau Walleczek konkret, sondern um ein generelle Debatte über den Entblößungsfaktor von Reality-Formaten, die ich hiermit gerne anstoßen möchte.

Vorher noch ein paar Worte zur Liste der twitternden JournalistInnen. Die führe ich privat, ohne professionellen Anspruch und ganz und gar unkommerziell. Genau aus diesem Grund nehme ich mir die Freiheit, die Ressorts der twitternden JournalistInnen etwas flapsiger und manchmal hoffentlich auch witziger zu beschreiben. Das betraf in der Vergangenheit auch schon Hans Dichand oder Doris Knecht. Ich werde aber dem Wunsch von Frau Walleczeck entsprechen und das besagte Wort streichen. Schließlich dient die Liste zur Information über twitternde JournalistInnen, Diskussionen darüber können ja trotzdem hier stattfinden.

Worum geht es bei Reality Formaten? Auf keinem Fall darum, wer Germanys Next Topmodell wird, welches Dorf demnächst nicht mehr raucht, ob der Bauer eine Frau von ATV zugestellt bekommt oder ob übergewichtige Menschen abnehmen, sondern immer darum, Quote auf Kosten dieser Menschen zu machen. Das ist legitim, denn schließlich sollten diese Menschen mittlerweile wissen, worauf sie sich einlassen. Gut finden muss man es deswegen nicht. Mir persönlich ist schon das Zuschauen peinlich, das Modewort dazu ist Fremdschämen und ich bin mir durchaus bewusst, dass man sich – und ich mich durchaus auch – gern fremdschämen kann.

Und trotzdem beschleicht mich dabei immer wieder das Gefühl, dass diese Menschen vorgeführt werden, dass ihnen nicht bewusst ist, wie sie im Fernsehen wirken. Denn niemand wird im Ernst annehmen, dass Großaufnahmen von Schweißperlen, Speckfalten und kauenden Mündern vorteilhaft für die solcherart Dargestellten sind. Unterschichtfernsehen nannte Titanic und zehn Jahre später Harald Schmidt diese Sendungen. Ein böses, verächtliches Wort von dem sich mittlerweile auch Harald Schmidt distanziert hat, denn es diffamiert wiederum nur die Zuseher und die Vorgeführten, aber nicht die Verantwortlichen. Genau deswegen bevorzuge ich das Wort Sozialpornographie. Denn es sagt genau das aus, worum es geht. Menschen verkaufen ihre Würde vor der oder für die Kamera. Das Geschäft damit machen andere: Die Sozialpornoproduzenten

Die Sozialpornoproduzenten befriedigen die voyeuristischen Gelüste ihres Publikums, das sich dadurch selbst in einem anderen, besseren Maßstab bewerten kann. Interessanterweise ein Gegensatz zur klassischen Pornoindustrie, die beim Betrachter nicht selten ein Gefühl der eigenen Minderwertigkeit hinterlässt. Damit befördert das Fernsehen eine Fingerzeig-Kultur und macht das Kuriositätenkabinett des 19. Jahrhunderts auf widerliche Weise salonfähig. Ein Teil dieser Sozialpornoindustrie sind Sendungen wie Bauer sucht Frau, Germanys Next Topmodell, Teenager im Camp, Österreich isst anders, Die Modell-WG etc, die nur vordergründig vorgeben, Menschen helfen zu wollen, aber schließlich wieder nur unsere voyeuristische Ader befriedigen sollen.

Quote auf Kosten anderer zu machen, war natürlich immer schon Konzept des Fernsehens. Selbst Joki Kirschner spielte mit der Gier seiner Gäste, wenn er nach dem präferierten Laderl in der Sendung Tritsch-Tratsch fragte, denn immerhin war irgendwo ein Brilliantring versteckt. Auch die versteckte Kamera war bereits ein Vorläufer der Sozialpornographie, dort ging es schon viel stärker darum, andere zu verarschen. Trotzdem konnte man sicher sein, dass die Scherze meistens nicht zu weit gingen.  Einen vorläufigen Höhepunkt fand die öffentliche Demütigung bei Stefan Raab, der mit seiner Maschendrahtzaunvertonung eine zugegebenermaßen unsympathische Frau für ganz Deutschland zum Affen machte und schließlich im Psychoterror bei einer Schülerin Namens Lisa Loch gipfelte. Wobei man dem Brachialhumor von Stefan Raab wenigstens zu gute halten muss, dass er seine Opfer ganz offen und ohne falsches Mitgefühl verhöhnte. Sozialpornoformate tun das nicht. Dort wird immer vorgegeben, dass man den Vorgeführten helfen wolle. Es regiert das falsche Mitgefühl, die Krokodilstränen, es werden Umarmungsfeuerwerke abgeschossen und am Schluss bedanken sich die Opfer auch noch ganz artig für ihre 15 Minuten Ruhm.

Grüne Rechenspiele

von Gerald Bäck am 28.05.09

Grüne VorwahlenSchön langsam leidet mein Gehirn an einer grünen Überdosis! Aber bis zur EU-Wahl und der Entscheidung des Grünen Landesvorstands über die Zulassung der Vorwähler muss der geneigte Leser und ich da durch. Anschließend gibts dann bei einem Italienurlaub politische Ent- und kulturelle Gewöhnung, zumindest für mich!-)

Aber zurück zu meinem Lieblingsthema. Angela Stoytchev, ein Mitglied des Grünen Landesvorstands nennt in diesem Kommentar den 15. Juni auch als interne Deadline und wird von ihrem Kollegen Markus Rathmayr hier bestätigt. Wir können also einerseits davon ausgehen, dass vor der EU-Wahl nichts mehr passieren wird, aber gleichzeitig den 15. Juni als eine Art Versprechen des Landesvorstands zur Kenntnis nehmen.

Über das Procedere und die Kriterien für eine solche Entscheidung gibt es nur Gerüchte und Mutmaßungen und will mich jetzt gar nicht darüber verbreitern, wie sinnlos und ungerecht ein solcher individueller Nasenlöchercheck wäre. Es gibt dazu nur eine festgehaltene Aussage von Markus Rathmayr nämlich im Report vom 26.5.2009:

Es ist noch kein einziger Antrag in irgendeiner Form behandelt worden, sondern wir haben uns bis jetzt immer noch über Grundsätzliches unterhalten und darüber diskutiert, wie definieren wir denn oder wie legen wir denn das Statut aus, in dieser Form wie es jetzt da liegt. Wichtig ist einfach für uns, dass wir auf einer wirklich individuellen Basis entscheiden und nicht irgendwelche pauschalen Aufnahmen oder Ablehnungen hier machen, dass wäre für uns nicht zulässig.

Einmal abgesehen davon, dass in die Aussage ein klein wenig widerspricht, nehmen wir also an, dass der Landesvorstand in der Zeit bis zum 15. Juni jeden Antrag auf Unterstützerstatus individuell behandeln wird. Der Landesgeschäftsführer der Wiener Grünen Robert Korbei schreibt in seinem offenen Brief vom 7.Mai, dass derzeit über 300 Anträge bei den Wiener Grünen eingelangt sind. Am 7.5. hatten die Grünen Vorwahlen gezählte 126 Anträge, derzeit sind es 186. Wenn wir davon ausgehen, dass Robert Korbei in seinem Brief mindestens 301 Anträge gemeint hat, stehen wir heute also bei mindestens 361 Anträgen – wahrscheinlich sind es mehr -, die der Landesvorstand behandeln muss. Nachdem auf einer individuellen Basis entschieden wird, kann man davon ausgehen, dass sich der Landesvorstand mit jedem Antragsteller mindestens 10 Minuten befassen wird, eine Zeitspanne, die mir zwar persönlich fast zu kurz erscheint. Rechnen wir also nach:

361 Anträge mal 10 Minuten = 3610 Minuten = 60 Stunden = 2 1/2 Tage

Stellen wir diese Rechnung einmal dem Posting von Angela Stoytchev gegenüber:

wollte nur zu den 57 tagen etwas sagen: es sind natürlich seriös betrachtet keine 57 tage, die der Landesvorstand drüber redet. es sind 7 Montagabende, und davon jeweils ca 1,5 h (wir haben ja noch vieles anderes daneben zu tun), als insgesamt mal etwas mehr als 10 stunden.

Das heißt, in den letzten 57 Tagen hat es der Grüne Landesvorstand geschafft, sich immerhin 10 Stunden mit den Anträgen der Grünen Vorwähler zu beschäftigen. Und jetzt will man innerhalb von 19 Tagen und geschätzten 3 Landesvorstandssitzungen ein Arbeitspensum von 60 Stunden bewältigen. Daran erkennt man sehr schnell, dass die Aussage von der individuellen, ernsthaften Behandlung nicht wirklich ernst nehmen ist. Denn der Landesvorstand müsste ab sofort täglich 2 Stunden tagen oder die verbleibenden 3 montäglichen Sitzungen auf je 20 Stunden ausdehnen. Christoph Chorherr hat als also schon recht, wenn er meint: Wesentliche Prozesse des Politischen (ganz generell) brauchen aber Zeit.

Wir sind gespannt angesichts der kommenden Marathonsitzungen!-)

Vorzugsstimme Lichtenberger

von Gerald Bäck am 26.05.09

Eva LichtenbergerHab ich schon geschrieben, dass die Grünen in letzter Zeit sehr viel falsch gemacht haben?-) Wahrscheinlich schon und vielleicht auch zu oft. Mit dieser Analyse und dem damit verbundenen Frust geht’s aber nicht nur mir so, sondern auch vielen anderen Grün-Sympathisanten. Der Ärger über das Grüne Gebahren geht oft sogar soweit, dass manche sogar nicht zur Wahl gehen möchten.

Dieser Ärger über die Grünen hat zwei Namen: Wien und Voggenhuber. Auch ich ärgere mich maßlos über das besitzstandswahrende Verhalten der Wiener Grünen in Zusammenhang mit den Grünen Vorwahlen, aber mit der EU-Wahl hat das gar nichts zu tun. Und einem wahlkämpfenden Voggenhuber hätten die Grünen durchaus die Chance gehabt, 3 Mandate bei der EU-Wahl zu erobern. Jetzt sieht es so aus, als würde letztlich nur eines übrig bleiben.

All jene, die jetzt mit einer Wahlverweigerung spekulieren, sollten sich nur ganz kurz überlegen, wer denn das zweite Grüne Mandat bekommen könnte: Ewald Stadler, Barbara Rosenkranz oder ein Scherge von HPM. Das allein sollte schon Grund genug sein, doch zur Wahl zu gehen.

Ich habe absolut nichts gegen Ulrike Lunacek, aber es wäre doch schade wenn ausgerechnet die erfahrene und kompetente EU-Politikerin Eva Lichtenberger ihr Mandat verlieren würde. Damit würde man also jemanden abstrafen, der nur sehr wenig dafür kann. Wer sich näher über Eva Lichtenberger informieren möchte kann das auf Ihrem Blog (leider auf myspace) , via Twitter @eva_lichti oder auf Facebook (Persönliche Seite, Fanpage) tun.

Vorzugsstimme Lichtenberger

Mit einer Vorzugsstimme für Eva Lichtenberger, anstatt nicht wählen zu gehen, begibt man sich als Wähler in eine Win/Win Situation. Vielleicht schaffen es die Grünen dadurch, das zweite Mandat zu behalten oder die Grünen verlieren trotzdem massiv, dann ist es aber leichter für Eva Lichtenberger die 7% Vorzugsstimmen zu erreichen. Übrigens hier kann man sich eine Wahlkarte bestellen.

Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien